Als ABBA das Musical »Chess« schrieb

Schacholympiade: Michail Tal (UdSSR) gegen Bobby Fischer (USA) Bundesarchiv, Bild 183-76052-0335 / Kohls, Ulrich / CC-BY-SA 3.0
Schacholympiade: Michail Tal (UdSSR) gegen Bobby Fischer (USA) – der Kalte Krieg am Schachbrett.

Die meisten Musicals stammen aus einem Roman oder einem Film. CHESS stammt aus einem Brettspiel – und aus einer Zusammenarbeit, auf die niemand auch nur einen Pfennig gesetzt hätte. Am Anfang stand Tim Rice, der mit Andrew Lloyd Webber bereits Jesus Christ Superstar und Evita geschrieben und dem Musiktheater eine neue Richtung gegeben hatte. Für sein Stück über die Welt des Schachs wollte er wieder Webber – doch der war verschwunden, genauer: in ein Musical über singende Katzen, das ihn für Jahre binden würde. Also suchte Rice weiter und landete dort, wo ihn niemand vermutet hätte: bei Benny Andersson und Björn Ulvaeus, den beiden Männern von ABBA. Der Kopf hinter »Don’t Cry for Me Argentina« und die Köpfe hinter »Dancing Queen« – auf dem Papier passte das nicht zusammen, und genau das war der Reiz. Was dabei herauskam, klingt nach keinem von beiden allein: sinfonische Wucht, harte Rockkanten, große Popballaden und dazwischen ein kühler, osteuropäischer Ton, der die geteilte Welt des Stücks schon hörbar macht, bevor ein Wort gesungen ist.

Auch sonst lief bei CHESS manches verkehrt herum: erst die Schallplatte, dann das Theater. Für Rice war das kein Wagnis, sondern Methode, denn schon Jesus Christ Superstar und Evita hatten als Konzeptalbum begonnen und erst danach die Bühne erobert – er und Webber waren die Pioniere dieser Reihenfolge. Erst sollten die Melodien in den Köpfen sitzen, dann würde man szenisch nachliefern. So erschien 1984 zunächst ein Doppel-Konzeptalbum, ganz ohne Bühne, und das Kalkül ging auf: »One Night in Bangkok«, halb gerappt, halb gesungen, wurde ein Welthit, bevor irgendjemand eine einzige Szene gesehen hatte, und das Duett »I Know Him So Well« ebenso. Erst 1986 kam das Stück szenisch auf die Bühne – im Londoner West End, inszeniert von Trevor Nunn – und lief dort jahrelang, während draußen in der Wirklichkeit zwei Männer einen echten Weltmeisterschaftskampf austrugen. Werbung, die man nicht hätte kaufen können.

In London war das Stück ein großer Erfolg, doch als amerikanische Produzenten prüften, ob sich der Hit über den Atlantik tragen ließe, war den eigens aus New York angereisten Kritikern genau das zu viel: zu klug, zu verschachtelt, viel zu europäisch. Diese Skepsis ließ die Produzenten zögern, und aus Sorge, das komplexe Buch könnte ein Broadway-Publikum überfordern, ließen sie für New York eine stark vereinfachte Fassung erstellen. Damit aber ging ausgerechnet das verloren, was den Reiz des Stücks ausmacht. Denn CHESS lebt von einer Spiegelung: Das komplizierte Schachspiel, die komplizierte Dreiecksbeziehung und der komplizierte politische Plot stehen nicht nebeneinander, sondern sind dieselbe Partie, nur auf drei Brettern zugleich gespielt – Zug und Gegenzug am Brett, im Herzen und in der Weltpolitik, alles greift ineinander. Wer eine dieser Ebenen glättet, nimmt dem Stück sein Zentrum.

Gerade deshalb ist die vielschichtige Originalfassung bis heute die eigentliche Entdeckung: CHESS traut seinem Publikum etwas zu und belohnt es mit einer Dichte, wie sie kaum ein anderes Musical erreicht. Im Deutschen tat sich der Stoff allerdings lange schwer. Schon 1985, bevor das Stück hierzulande überhaupt auf einer Bühne stand, nahm Angelika Milster die beiden großen Balladen »Ich kann ihn versteh’n« (I Know Him So Well) und »Jeder gegen jeden: Allein« (Nobody’s Side) auf Deutsch auf; offenkundig, um sich für die Rolle der Florence zu empfehlen. Zum großen Wurf geriet keine der beiden Aufnahmen. Die deutschen Texte dazu stammten immerhin von prominenter Hand: von Michael Kunze, damals einer der erfolgreichsten Schlagertexter mit Hits wie »Griechischer Wein« und »Ein Bett im Kornfeld«, der sich gerade das Musicalfach zu erobern begann. Zwei Jahre zuvor hatte er die deutsche Fassung von Cats geschrieben, in der ausgerechnet Milster als Grizabella zum Star geworden war; Jahrzehnte später sollte er mit Elisabeth, Mozart! und Tanz der Vampire selbst zum erfolgreichsten deutschsprachigen Musicalautor aufsteigen. Das CHESS-Bühnenstück aber übersetzte er nie.

Die Songs waren im Original ohnehin so ikonisch, dass man sie auf der Bühne zunächst schlicht auf Englisch beließ. Die deutschsprachige Erstaufführung folgte 2002 in Kassel, doch lange gab es dafür nur eine ältere Übersetzung, die vielen als zu verwaschen galt und dem dichten Original nie ganz gerecht wurde. Erst kürzlich hat Kevin Schroeder eine neue, deutlich werktreuere Fassung geschaffen, die gerade erst in Chemnitz zum ersten Mal zu hören war – und die Wucht der englischen Texte endlich auch im Deutschen zur Geltung bringt.

Am Ende ist es die Musik, die all das trägt. CHESS gehört zu den wenigen Musicals, die man auch ohne Bühne rauf und runter hört, und doch lohnt es sich, über die beiden Welthits hinauszuhören: »Anthem«, die Hymne eines Mannes auf ein Land, das er liebt und trotzdem verlassen muss, ist der leise Faustschlag des Abends, und »Nobody’s Side« – auf Deutsch »Jeder geht allein« – bringt in wenigen Worten auf den Punkt, worum es unter all der Politik geht: um Menschen, die sich in einem großen Spiel behaupten. Ein Musical über Schach mag nach trockener Materie klingen. Dass ausgerechnet zwei Drittel von ABBA daraus eine der politischsten Partituren der Achtziger machten, gehört zu den unwahrscheinlichsten Wendungen der Musicalgeschichte.

Zur Produktion: Chess (2018)

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