Feuerwerk, Nationalhymne, ein Nagetier – der echte Murmeltiertag in Punxsutawney

Punxsutawney Phil bei Gobbler’s Knob in Punxsutawney, Pennsylvania Foto: Anthony Quintano · CC BY 2.0
Gobbler’s Knob bei Punxsutawney, Pennsylvania – Schauplatz des alljährlichen Murmeltiertags.

Es ist kurz vor sieben Uhr morgens, minus sieben Grad, und in einer Waldlichtung im Westen Pennsylvanias stehen Zehntausende dicht gedrängt im Dunkeln und rufen im Chor den Namen eines Murmeltiers. Über ihnen zerplatzt ein Feuerwerk, größer als manches, was in Washington am Nationalfeiertag in den Himmel steigt. Eine Rockband spielt, irgendwo erklingt die Nationalhymne, auf großen Bildschirmen tanzen Menschen – und all das seit drei Uhr nachts, bei klirrender Kälte, für ein amerikanisches Waldmurmeltier namens Phil. Für europäische Augen ist der amerikanische Murmeltiertag ein kaum zu ertragender Rausch der Reize. Und genau das macht ihn so faszinierend.

Dabei fing alles ganz bescheiden an – und ausgerechnet in Europa. Der 2. Februar ist Maria Lichtmess, und mit ihm verband sich seit jeher eine Bauernregel: Zeigt sich an diesem Tag die Sonne, kommt der Winter noch einmal zurück. In deutschen Landen war es ein Dachs oder Igel, der zur Wetterprognose herhalten musste. Die deutschen Auswanderer, die »Pennsylvania Dutch«, nahmen den Brauch mit über den Atlantik – nur dass in der neuen Heimat kein Igel zur Hand war, sondern das Waldmurmeltier. 1887 zogen die Bürger von Punxsutawney zum ersten Mal feierlich auf einen Hügel namens Gobbler’s Knob, um das Tier zu befragen. Weltberühmt aber wurde das Ganze erst gut hundert Jahre später – durch einen Film.

Was aus dem stillen Brauch inzwischen geworden ist, sprengt jede Vorstellung. Schon ab drei Uhr nachts karren Schulbusse die Massen hinauf zur Lichtung, bis zu vierzigtausend – in einer Stadt mit gerade einmal sechstausend Einwohnern. Auf einer großen Bühne lösen sich stundenlang Programmpunkte ab: Bands, Tanzeinlagen, alberne Umdichtungen bekannter Songs (aus Journeys »Don’t Stop Believin’« wird »Don’t Stop Phil-ieving«), Ehrengäste bis hinauf zum Gouverneur, dazu Lagerfeuer, heißer Kakao und ein Meer aus Wollmützen. Gegen halb sieben wird es für einen Moment stockdunkel – und dann explodiert über den Kiefern jenes Feuerwerk. Ringsum haben Fernsehteams aus aller Welt ihre Antennenmasten so hoch aufgebaut wie die Bäume. Über allem liegt jene typisch amerikanische Mischung aus Pathos und Augenzwinkern: Man nimmt das Ganze todernst und weiß zugleich genau, wie absurd es ist – ein Rat aus rund zwanzig Herren in Zylinder und Frack, die behaupten, »Murmeltierisch« zu sprechen, und ein Nagetier, das angeblich seit über hundert Jahren dank eines geheimen Löwenzahn-Elixiers lebt.

Und dann, mit dem Sonnenaufgang gegen 7.20 Uhr, kippt die Stimmung schlagartig. Der Lärm verebbt, die Bühne wird still. Die Herren mit den Zylindern – der »Inner Circle« des Groundhog Clubs – treten an einen Baumstumpf, der Präsident klopft mit einem Spazierstock an ein kleines Türchen, und Phil wird herausgehoben und in den Himmel gereckt. Für einen Augenblick halten Zehntausende den Atem an und starren auf ein reglos blinzelndes Tier, als hinge das Schicksal der Welt an ihm. Dann wird von einer Schriftrolle das Urteil verlesen. In diesem Jahr, am 2. Februar 2026, hat Phil seinen Schatten gesehen: sechs weitere Wochen Winter. Jubel, Buhrufe – und Sekunden später ist der Zauber vorbei, die Menge strömt zurück zu den Bussen, und der Spuk, auf den man die halbe Nacht gewartet hat, ist auch schon wieder Geschichte.

Punxsutawney Phil am Murmeltiertag 2022 in Pennsylvania
Punxsutawney Phil beim Murmeltiertag 2022. Foto: Anthony Quintano · CC BY 2.0

Dass Phil dabei fast immer danebenliegt, stört niemanden. Seit über 130 Jahren sieht er in gut vier von fünf Fällen seinen Schatten und sagt sechs weitere Winterwochen voraus – und liegt damit, je nach Zählung, nur in rund 40 Prozent der Fälle richtig, schlechter als ein Münzwurf. Die US-Wetterbehörde NOAA setzte ihn einmal auf Platz 17 von 19 tierischen Orakeln, hinter einem ausgestopften Artgenossen. Der »Inner Circle« beharrt derweil unbeirrt auf Phils hundertprozentiger Trefferquote. Tierschützer von PETA fordern seit Jahren, den Nager in ein Reservat zu entlassen und durch eine Münze, einen Baum oder gleich einen KI-gesteuerten Roboter-Phil zu ersetzen – vergeblich. Und Millionen schauen weiter zu. Das sagt am Ende mehr über uns als über das Murmeltier. Selbst die Börse scheint sich anstecken zu lassen: Ökonomen fanden heraus, dass US-Aktien rund um eine »Früher-Frühling«-Prognose im Schnitt besser abschneiden als nach der Ankündigung eines langen Winters – ein Anflug irrationaler Frühlingshoffnung, mitten im Februar.

Punxsutawney ist mit alldem nicht allein. Quer durch die USA halten sich Dutzende Städte ihr eigenes Wetter-Nagetier – Staten Island Chuck in New York, General Beauregard Lee in Georgia, Jimmy im Städtchen Sun Prairie in Wisconsin. Und es geht nicht immer glimpflich zu: 2015 biss ebenjener Jimmy dem Bürgermeister von Sun Prairie mitten in der Zeremonie ins Ohr. Der Mann zuckte kurz, verkündete tapfer einen frühen Frühling – woraufhin seine Tierpfleger widersprachen, das Murmeltier habe in Wahrheit sechs weitere Winterwochen gemeint. Die Stadt stellte per Erklärung klar, allein der Bürgermeister dürfe Jimmys Prognose übersetzen. So ernst nimmt man das.

Für Punxsutawney ist dieser eine Morgen alles. Die Kleinstadt nennt sich stolz »Wetterhauptstadt der Welt«, ihre Läden verkaufen das ganze Jahr über Murmeltier-Tassen und Plüschtiere, an den Straßenecken stehen bemalte Phil-Figuren. Für ein paar Stunden im Februar wird aus dem abgelegenen Winkel in den bewaldeten Hügeln Pennsylvanias der Nabel der Welt – die ganze Identität des Ortes hängt an einem Nagetier. Wer den Kultfilm kennt, erkennt vieles wieder und staunt zugleich, dass die Wirklichkeit noch schräger ist als die Leinwand.

Zur Produktion: Und täglich grüßt das Murmeltier (2026)

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