
Der bekannte Wettermoderator Phil Connors ist sauer: Schon zum vierten Mal wird er nach Punxsutawney geschickt, um vom alljährlichen Murmeltiertag zu berichten – ein Auftrag, den er zutiefst verabscheut.
Diesmal reist er nicht allein in der Limousine, sondern gemeinsam mit seiner Kollegin Rita und dem Kameramann Larry im Transporter. Und als wäre das nicht genug, schneit ein heftiger Sturm den kleinen Ort von der Außenwelt ab. Phil muss bleiben – doch das ist erst der Anfang seines Albtraums.
Am nächsten Morgen wacht er auf und erlebt zu seinem Entsetzen denselben Tag erneut. Und wieder. Er steckt in einer Zeitschleife fest: Es ist immer wieder der 2. Februar – der Murmeltiertag – und das Leben beginnt für ihn jeden Tag aufs Neue.
Foto: Vinzenz Schultz
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Svenja Bernsdorff · Niels Dietrich · Tim Müller · Vinzenz Schultz
Die vielen Proben haben sich offensichtlich gelohnt, selbst bei genauerer Betrachtung bemerkt der Zuschauer kaum eine Abweichung. [...] Wer den Film mag, dem wird auch das Musical gefallen, das sich relativ dicht am Original hält.
Das witzige Musical, die talentierten Darsteller und das eingespielte Orchester versprechen beste Unterhaltung
Es ist der 1. Februar. In einem Fernsehstudio in Pittsburgh moderiert der zynische Wettermoderator Phil Connors seine Wettersendung im Regionalfernsehen. Es kommt zum Streit mit dem Regisseur, denn bereits zum dritten Mal soll Phil in die Kleinstadt Punxsutawney reisen und über den Murmeltiertag berichten – ausgerechnet er, der die ganze Veranstaltung für eine Provinzposse hält. Also muss Phil in einem alten Transporter mit dem Rest der Crew fahren, obwohl er dachte, dass er dieses Mal immerhin einen Firmenwagen für sich selbst bekommt (Fanfare für das Gewöhnliche Murmeltier).
In dem kleinen Städtchen Punxsutawney im ländlichen Pennsylvania versammeln sich jedes Jahr am zweiten Februar vor Sonnenaufgang Tausende, um dem Murmeltier Phil dabei zuzusehen, wie es durch das Sehen oder Nichtsehen seines Schattens die Länge des Winters vorhersagen soll. Voller Hoffnung halten die Dorfältesten und Bewohner daran fest, dass die Sonne, wenn sie heute nicht kommt, ganz bestimmt morgen scheinen wird (Morgen wird alles neu).
Phil ist mit seinem Team angereist und zutiefst genervt. Mit beißender Ironie betrachtet er die muffige Pension, in der er schlafen musste, und das überdrehte Treiben der Stadt mit ihren dilettantischen Radio-DJs. Er begegnet unter anderem zwei distanzlosen Fans, einem etwas verwirrten Sheriff, einem obdachlosen Bettler und dem aufdringlichen Versicherungsvertreter Ned Ryerson (Tag 1: Kleinstadt-USA). Phil verachtet alle, denen er begegnet, vor allem aber die unverwüstlich gut gelaunte Produktionsassistentin Rita Hanson, die sich über das verrückte und bunte Treiben der Kleinstadt freut, und seinen nerdigen Kameramann Larry. Auf dem Gobbler’s Knob präsentiert Buster, der Vorsitzende des Ältestenrats, das gefeierte Murmeltier einer jubelnden Menge (Punxsutawney-Phil) und Phil liefert genervt seinen Bericht ab. Nach getaner Arbeit plant er sofort die Heimreise, doch ein gewaltiger Schneesturm sorgt für Straßensperrungen in alle Richtungen und schneidet Punxsutawney von der Außenwelt ab (Schneesturm). Während Rita voller Begeisterung die Eindrücke des Tages festhält (Tagebuch), muss Phil widerwillig eine weitere Nacht in der Pension von Mrs. Lancaster verbringen.
Als er am nächsten Morgen aufwacht, geschieht das Unbegreifliche: es ertönt derselbe Radiojingle wie am vorherigen Tag. Es ist wieder der zweite Februar. Alles wiederholt sich exakt: der freundliche, mollige Nachbar, Mrs. Lancaster am Frühstücksbuffet und die beiden nervigen Clevelands, das kaputte Holster des Sheriffs, der aufdringliche Versicherungsvertreter Ned Ryerson (Tag 2: Kleinstadt-USA), das Murmeltier wird wie geplant präsentiert (Punxsutawney-Phil) und Rita greift ein zweites Mal zum Stift (Tagebuch). Phil ist der Einzige, der bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Ein dritter, identischer Tag dämmert herauf – wieder dieselben Gespräche, wieder die Begegnungen mit den provinziellen Nervensägen, wieder dasselbe Frühstück und Phil bekommt langsam Panik (Tag 3).
Verzweifelt sucht er bei lokalen, vermeintlichen Fachleuten – einem Heilpraktiker, einem Psychopharmakologen, einem Geistheiler, einem Tierarzt und anderen – nach einer Erklärung für seinen Zustand und muss eingestehen, dass niemand ihm helfen kann und er in dieser Zeitschleife unrettbar gefangen ist (Steck’ fest). Trost sucht er in einer Kneipe, wo er beim Bier auf die Stammgäste Gus und Ralph trifft. Als Phil ihnen erklärt, dass es für ihn kein Morgen gibt, ziehen alle drei einen Schluss: Wenn jeder Tag neu beginnt, gibt es keine Konsequenzen, keine Reue, keinen Kater, keine Verantwortung. Alles ist erlaubt. Sie steigen völlig betrunken in ihren Truck, rasen durch die Stadt und werden am Ende verhaftet – aber Phil erwacht am nächsten Morgen wieder in der Pension (Niemanden schert’s). Beflügelt stürzt er sich in einen hedonistischen Taumel aus Völlerei, Diebstahl und Eskapaden: Er behandelt alle Menschen unverschämt, küsst die Verlobte eines Fans, zeigt dem Bettler den Mittelfinger, schlägt Ned Ryerson ins Gesicht und nutzt die Zeitschleife, um die Menschen um ihn herum zu manipulieren. So gräbt er bei der jungen und sehr attraktiven Nancy Taylor nach Informationen über ihre Schulzeit, um sie ins Bett zu kriegen – und sie soll nicht seine einzige Eroberung bleiben. Phils ausschweifendes Treiben gipfelt in einem rauschhaften, fast übermütigen Erwachen am nächsten Morgen (Übermut).
Doch trotz aller Eskapaden bleibt die eine Frau unerreichbar: Rita. Sie träumt von der großen, wahrhaftigen Liebe – einem Gefühl, das der oberflächliche Phil ihr beim besten Willen nicht vorzuspielen vermag (Irgendwann). Tag für Tag perfektioniert er sein Auftreten, lernt ihre Vorlieben auswendig – ihren Lieblingsdrink, ihr Studienfach der französischen Lyrik, ihre Abneigung gegen hohle Phrasen. In unzähligen Anläufen versucht er, den richtigen Weg zu ihr zu finden – doch jede Nacht endet mit einer Ohrfeige.
Ein überraschender Einblick ins Innenleben einer von Phils kurzlebigen Eroberungen: Nancy reflektiert mit berührender Selbstironie über ihre Rolle als immer wieder austauschbare Nebenfigur in den Geschichten anderer (Nancy spielen).
Phil ist inzwischen am Ende. Die Monotonie der ewigen Wiederkehr und die vergeblichen Versuche, Ritas Herz zu gewinnen, haben ihn in tiefe Verzweiflung gestürzt. Er entführt das berühmte Murmeltier aus seinem Käfig und stürzt sich mit ihm gemeinsam in den Tod (Punxsutawney Phil / Waffe). Doch egal, was er versucht – Frontalkollision mit einem LKW, Stromschlag in der Badewanne, Sprung vom Glockenturm – jeder Selbstmordversuch endet damit, dass er morgens ohne einen einzigen Kratzer in seinem Pensionsbett wieder erwacht (Ich geb’ nie auf). Er glaubt schließlich, ein Gott zu sein – unsterblich, allwissend, allmächtig – doch auch diese Erkenntnis bringt ihm keinen Frieden.
Zermürbt wendet Phil sich erneut an Rita, diesmal nicht als Eroberer, sondern als verzweifelter Freund. Er offenbart ihr seine unmögliche Lage und beweist sie, indem er genau vorhersagt, was die Menschen um sie herum als Nächstes tun werden. Die letzten Zweifel nimmt er Rita mit detailliertem Wissen über ihr Leben: ihre Angst vor Clowns, ihren Hund namens Stephen, das Schlafen bei Licht bis ins zwölfte Lebensjahr (Ich weiß alles über dich). Rita hört zu und beschließt, den restlichen Tag mit ihm zu verbringen. Gemeinsam streifen sie durch die Stadt und sinnieren darüber, was man mit einer zweiten Chance anfangen könnte (Käme meine Zeit zurück). Spät in der Nacht schläft Rita in Phils Zimmer ein – doch der Morgen kommt unerbittlich, und Phil erwacht wieder allein.
Phil beschließt, jeden seiner unzähligen Tage zu nutzen, um den Menschen um ihn herum Gutes zu tun (Den Dreh raushaben). Bei der örtlichen Klavierlehrerin nimmt er Stunde um Stunde Unterricht, bis er zum begnadeten Musiker wird und er versucht vergeblich, den obdachlosen alten Jenson vor dem Tod zu bewahren (Klavierstunden / Jenson). In Phils täglicher Begegnung mit Ned Ryerson ereignet sich plötzlich eine Wendung: Statt ihn abzuwimmeln, hört Phil ihm zum ersten Mal wirklich zu und erkennt hinter dem aufdringlichen Versicherungsvertreter einen einsamen, lebenshungrigen Menschen. Neds Lebensmotto »Du musst das Leben lieben« rüttelt Phil endgültig wach und er bricht zusammen, während der alte Jenson erneut trotz aller Bemühungen stirbt. Phil erkennt, dass manche Dinge unausweichlich sind und dass er den alten Jenson nicht retten kann (Die Nacht bricht an).
Die ganze Stadt empfängt seine selbstlosen Taten (Phil-anthropie) – ohne es zu merken, wird Phil zu dem Mann, in den Rita sich verlieben kann. Bei der Murmeltiergala brilliert er schließlich am Klavier und bringt gemeinsam mit den Dorfbewohnern die Tanzfläche zum Beben (Stiefel / Punxsutawney Rock). Rita ist verblüfft, als sie ihren Kollegen dort als gefeierte Galionsfigur der Gemeinschaft erlebt – beliebt, geschätzt, unentbehrlich. Bei einer Wohltätigkeitsversteigerung spendet sie spontan den gesamten Inhalt ihres Geldbeutels (339 Dollar und 88 Cent), nur um einen einzigen Tanz mit ihm zu ersteigern. Endlich finden die beiden zueinander. Auf einer verschneiten Veranda küsst sie ihn (Ich sehe dich).
Am nächsten Morgen herrscht Stille: Der Wecker läutet nicht. Es ist der dritte Februar. Rita ist noch da, die Straßen sind frei. Die Zeitschleife ist gebrochen und Phil und Rita gehen Seite an Seite hinaus in den Sonnenaufgang über Punxsutawney, in eine neue, nun endlich offene Zukunft (Finale).
Es gibt Orte auf der Welt, die man nur unter Zwang oder aus schierer Faszination für das Absonderliche aufsucht, und Gobbler’s Knob im pennsylvanischen Punxsutawney gehört zweifellos in die zweite Kategorie. Man muss sich das einmal vorstellen. An einem Februarmorgen, zu einer Stunde, zu der kein vernünftiger Mensch freiwillig wach ist und die meisten Tiere sehr klare und in meinen Augen vollkommen berechtigte Ansichten darüber haben, im Bau zu bleiben, versammelt sich eine kleine Schar von Herren im Zylinder um einen Baumstumpf. Der Baumstumpf ist, das muss man dazu sagen, nicht einmal echt. Er ist geschnitzt. Und aus diesem falschen Baumstumpf heben diese Herren – sie nennen sich, mit einer Ernsthaftigkeit, die man nur bewundern kann, den Inner Circle – ein Waldmurmeltier, halten es in die eisige Luft und befragen es zum weiteren Verlauf des Winters.
Das Tier, das eben noch tief und rechtschaffen geschlafen hat, wird nun zum meteorologischen Orakel eines ganzen Kontinents erklärt. Sieht es seinen Schatten, so lautet die uralte Regel, bleibt der Winter noch sechs Wochen. Sieht es ihn nicht, ist der Frühling nah. Dass die Aussagekraft eines Murmeltierschattens über atlantische Tiefdruckgebiete ungefähr der eines Losentscheids gleichkommt, scheint dabei niemanden zu stören, und wenn man ehrlich ist, ist das auch gar nicht der Punkt. Zehntausende Menschen stehen im Dunkeln in der Kälte herum, um einem Nager beim Blinzeln zuzusehen. Man kann das für die Spitze amerikanischer Skurrilität halten. Man kann aber auch, was erheblich interessanter ist, ein wenig genauer hinsehen – und stellt dann fest, dass dieser ganze wunderbare Unfug in Wahrheit ein Stück tiefster deutscher Provinz ist, das irgendwann heimlich über den Ozean geschmuggelt wurde.
Denn die Leute, die diese Zeremonie erfunden haben, waren keine Amerikaner im landläufigen Sinn, sondern Pfälzer. Genauer gesagt jene rund 81.000 Auswanderer, die im 18. Jahrhundert aus der von Kriegen zerrütteten Pfalz, aus Hessen, dem Rheinland und der Schweiz nach Pennsylvania kamen und dort als Pennsylvania Dutch bekannt wurden. Der Name ist übrigens ein reizendes Missverständnis: kein Mensch dort ist holländisch, »Dutch« ist schlicht die verballhornte Aussprache von »Deutsch«, und über die Jahrhunderte hat sich niemand die Mühe gemacht, den Irrtum zu korrigieren, was für sich genommen schon ein sehr menschlicher Zug ist. Diese Leute brachten mit, was Auswanderer immer mitbringen, wenn sie das Wenige packen, das sie besitzen: ihre Sprache, ihre Küche und ihren gesammelten Aberglauben. Ihr Dialekt, ein aus pfälzischem Kernbestand und englischen Lehnwörtern gewachsenes Deitsch, wird bis heute gesprochen, vor allem unter den knapp 380.000 Amischen, die ihn mit einer Beharrlichkeit pflegen, die Sprachwissenschaftler entzückt und Nachbarn gelegentlich ratlos zurücklässt.
Und mit der Sprache kamen die Lostage. Der älteste Beleg dafür, dass in der Neuen Welt schon jemand ein Tier zum Winterpropheten machte, findet sich, und das ist eine dieser Fußnoten, für die es sich zu leben lohnt, im Tagebuch eines Krämers. Am 4. Februar 1841 notierte ein gewisser James Morris aus Berks County, dass »den Deutschen zufolge« das Murmeltier am Lichtmesstag aus dem Bau lugt und mit seinem Schatten über den Winter befindet. Man beachte den Tonfall: den Deutschen zufolge. Schon damals also berichtete man über diesen Brauch so, wie man über die Eigenheiten der Verwandtschaft berichtet – mit einer Mischung aus Zuneigung und leiser Distanz.
Das schöne hochdeutsche Wort Murmeltier haben die Pfälzer dabei nie benutzt, und zwar aus dem entwaffnend einfachen Grund, dass sie das Tier von zu Hause gar nicht kannten. Also machten sie es, wie es der Mensch in solchen Fällen immer macht: Sie übersetzten kurzerhand das englische groundhog und nannten das Vieh Grundsau oder Grunddachs. Das ist von einer so bodenständigen Logik, dass man es einfach mögen muss. Und bezeichnend ist auch die Wahl des Tieres selbst. Andere Völker haben sich für ihre nationalen Symbole Adler ausgesucht, Löwen, mindestens einen Bären. Die Pfälzer in Pennsylvania entschieden sich für einen behäbigen, dicklichen Nager, der den größten Teil des Jahres verschläft. Der Linguist Mark Louden erkennt darin einen Nachhall des täuferisch-pfälzischen Ideals der Demut: schlau statt stark, praktisch erfahren statt heroisch. Es sagt eine Menge über eine Kultur aus, wenn sie sich als Wappentier ausgerechnet das Geschöpf wählt, das am überzeugendsten vorführt, wie man im Bett bleibt.
Nun könnte man meinen, hier wäre die Geschichte zu Ende, aber das wäre so, als würde man einen Faden ziehen und erwarten, dass er nach einem Zentimeter aufhört. Er hört nicht auf. Er führt geradewegs zurück in die Vorzeit. Denn der 2. Februar ist kein beliebiges Datum. Er liegt astronomisch genau in der Mitte zwischen Wintersonnenwende und Frühlingsäquinoktium, und an solchen Wendepunkten des Jahres hat sich der Mensch, seit er zum Bündeln von Bräuchen fähig ist, mit größter Zuverlässigkeit etwas einfallen lassen. Die Kelten feierten hier ihr Imbolc und die Göttin Brigid. Rom legte später, wie es die routinierte Art Roms war, kurzerhand Mariä Lichtmess darüber. Aber die eigentliche Sensation ist, dass die heidnische Wettervorhersage all das überlebt hat – klaglos, zäh, in unzähligen Bauernregeln, von denen die schönste bis heute im deutschsprachigen Raum kursiert: »Sonnt sich der Dachs in der Lichtmesswoche, geht er auf vier Wochen wieder zu Loche.«
Der Dachs, wohlgemerkt. Das ist die eigentliche Pointe. Der prophetische Gehilfe war ursprünglich nämlich ein völlig anderes Tier, und je weiter man reist, desto munterer wird die Besetzung. Im deutschen Brauchtum orakelte der Dachs. Auf den Britischen Inseln übernahm der Igel die undankbare Aufgabe. In Lothringen war es der Otter, in den Pyrenäen der Bär. Die Pfälzer nun fanden in Pennsylvania weder Dachs noch Igel, wohl aber jenes rundliche Waldmurmeltier, das um diese Jahreszeit ohnehin gerade den Bau verlässt und sich damit für die Rolle geradezu aufdrängte. Ein glatter zoologischer Tausch also, ein Nager tritt für einen Dachs ein, und rettet dabei, ohne es zu ahnen, eine jahrhundertealte Tradition in eine neue Welt hinüber. Man muss sich das vergegenwärtigen: Eine ganze Kulturtechnik überlebt den Umzug über einen Ozean nur deshalb, weil in der Wildnis von Pennsylvania zufällig ein passendes Ersatztier herumlag.
Und hinter dem Dachs, hinter Igel und Otter und Murmeltier, steht am Ende ein sehr viel größeres Tier, nämlich der Bär. In den Pyrenäen wird bis heute jeden Februar die Fête de l’Ours gefeiert, das Bärenfest, und das ist kein Zufall. In ganz Eurasien war der Bär seit dem Paläolithikum ein Wesen von unheimlicher Bedeutung – Ahnherr, Grenzgänger, ein Geschöpf, das zwischen Tier und Mensch zu stehen schien, wohl auch, weil es sich aufrichten kann und dann verdächtig nach einem großen, pelzigen Verwandten aussieht. Die gallo-helvetische Bärengöttin Artio hat sogar der Stadt Bern ihren Namen vererbt, weshalb dort bis heute Bären im Wappen und, deutlich zum Ärger einiger Bären, jahrhundertelang auch im Graben saßen. Erst die mittelalterliche Kirche machte dem ein Ende und dämonisierte den Bären mit großer Gründlichkeit, um ihn durch das bibelfestere Wappentier des Löwen zu ersetzen – ein Tier, das die allermeisten Europäer nie im Leben gesehen hatten, was der Sache aber keinen Abbruch tat.
Was also bleibt am Ende dieser sonderbaren Kette? 1887 gründete in Punxsutawney eine Runde pfälzischstämmiger Herren einen Klub, um die alte Sache mit dem Murmeltier gebührend zu begehen, und das war zunächst nicht mehr als das: eine Männerrunde mit einem klaren Interesse an frischer Luft und, wie man vermuten darf, an nicht ganz so frischem Getränk. Doch im 20. Jahrhundert geschah, was in Amerika mit fast allem geschieht: Es wurde ein Spektakel. Der Inner Circle setzte Zylinder auf, das Murmeltier bekam den Namen Phil und den Rang eines Unsterblichen, genährt angeblich von einem geheimen Elixir of Life, das ihm ein ewiges Leben verlieh, was für ein Tier, dessen wilde Artgenossen es auf sechs bis acht Jahre bringen, eine bemerkenswerte Leistung darstellt. Aus dem stillen bäuerlichen Lostag wurde ein Volksfest mit Zehntausenden.
Man mag das komisch finden, und das ist es auch. Aber wer an einem dunklen Februarmorgen dabei zusieht, wie ein Murmeltier aus einer Holzkiste blinzelt, der schaut, ohne es zu merken, durch ein Bild hindurch in viele andere: auf die keltische Göttin Brigid, auf die Kerzen der katholischen Lichtmess, auf einen sich sonnenden Pfälzer Dachs, auf die Bären der Pyrenäen und die Höhlenmenschen, die sie verehrten. Und ganz dahinter, älter als alles andere, liegt derselbe Versuch, den der Mensch seit jeher unternimmt: am finstersten Übergang des Jahres, wenn der Winter kein Ende nehmen will, das Licht einfach herbeizulesen – notfalls aus dem Schatten eines verschlafenen Nagers. Das ist, wenn man es recht bedenkt, nicht komischer, als aus Wolken auf Regen zu schließen. Es ist nur wesentlich unterhaltsamer.

Punxsutawney ist eine Kleinstadt mit rund 5.769 Einwohnern in Pennsylvania. Der Murmeltiertag ist ihr größtes Ereignis – und das einzige, wofür sie bekannt ist. Sieht das Murmeltier »Punxsutawney Phil« beim Verlassen seines Baus seinen Schatten, kündigt es sechs weitere Wochen Winter an.
Die Tradition geht auf Bauernregeln europäischer Einwanderer zurück: In Mitteleuropa galt an Mariä Lichtmess der Dachs als Wetterprophet. Da es in Nordamerika keine Dachse gab, übernahmen deutsche Einwanderer kurzerhand das Murmeltier – und aus einem westfälischen Bauernbrauch wurde eine neue amerikanische Tradition.
Zehntausende, ein Feuerwerk und ein blinzelndes Nagetier bei minus sieben Grad: Woher der amerikanische Murmeltiertag kommt, warum »Phil« fast immer danebenliegt – und warum die Wirklichkeit noch schräger ist als der Kultfilm.
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