Ein Moment der Entscheidung: »Songs for a New World«

Es beginnt kein durchgehendes Drama, es gibt keine Handlung im üblichen Sinn. Songs for a New World ist etwas Selteneres: ein Liederzyklus fürs Theater, sechzehn Songs für vier Stimmen, von denen jeder eine kleine, in sich geschlossene Geschichte erzählt. Und alle handeln von ein und demselben – von jenem einen Augenblick, in dem ein Leben kippt, dem Moment der Entscheidung. Es gehe um den Moment, in dem man vor der Wand stehe und sich entscheiden müsse, hat der Komponist es einmal beschrieben: standhalten, umkehren oder einen neuen Weg wagen.

Hinter dem Stück stand ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, für den es das erste war, das je aufgeführt wurde: Jason Robert Brown. 1995 kam Songs for a New World in einem winzigen New Yorker Off-Broadway-Theater heraus – kaum mehr als sechzig Plätze, ganze dreieinhalb Wochen lang. Entstanden war es fast nebenbei: Brown hatte über die Jahre eine Reihe von Songs für die verschiedensten Anlässe geschrieben, die zunächst nichts miteinander zu tun hatten. Erst gemeinsam mit der Regisseurin Daisy Prince – einer Tochter der Broadway-Legende Harold Prince – fand er den roten Faden, der sie verband, und aus einem losen Liederabend wurde ein Theaterstück.

Was die vier Sänger verkörpern, sind lauter Menschen an einem Wendepunkt – und Brown findet sie in den unterschiedlichsten Zeiten und Lebenslagen. Ein Mann steht 1492 an Deck eines Schiffes, das eine neue Welt ansteuert, zwischen Aufbruch und Angst. Eine Frau balanciert im siebenundfünfzigsten Stock über der Fifth Avenue auf dem Fenstersims und droht mit dem Sprung – nicht aus Verzweiflung, sondern um ihren Mann endlich zur Aufmerksamkeit zu zwingen (eine der komischsten Nummern des Abends). Ein junger Mann ist überzeugt, dass allein der Basketball ihn nach oben bringt. Eine werdende Mutter staunt über das Leben in ihr und vergleicht sich mit der Jungfrau Maria. Eine Frau näht mitten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Stern um Stern, Streifen um Streifen eine Fahne und singt sich die Angst von der Seele. Ein im Krieg gefallener Soldat begleitet den Flug seines eigenen Leichnams nach Hause. Und selbst Mrs. Claus bekommt ihren Auftritt – als bitterböse Abrechnung mit ihrem ewig abwesenden Mann. Das Herzstück aber ist »Stars and the Moon«, das Porträt einer Frau, die sich Mal um Mal für Reichtum statt für Liebe und Träume entscheidet – lieber die Jacht als den Mann, der ihr die Sterne und den Mond verspricht – und am Ende alles besitzt außer dem, was zählt. Das Lied ist längst ein Klassiker, den große Stimmen von Audra McDonald bis Betty Buckley für sich entdeckt haben.

Dass die Nummern klanglich so weit auseinanderliegen, hat einen Grund: Brown hatte sie über Jahre einzeln geschrieben, für die verschiedensten Anlässe, ehe Daisy Prince sie zum Zyklus fügte. So durchmisst die Partitur fast die gesamte populäre Musik des 20. Jahrhunderts. Da ist treibender Soul und Funk – der Groove von »The River Won’t Flow« geht auf einen Riff zurück, den Brown mit achtzehn in seiner College-Band spielte, samt fetter Bläsersektion im Stil von Earth, Wind & Fire. Da sind Gospel und Jazz, weit ausschwingende Popballaden – und in »Surabaya-Santa« eine bitterkomische Verbeugung vor Kurt Weill und Bertolt Brecht, in der die Sängerin zur Lotte Lenya des Nordpols wird. Brown borgt sich, was er braucht, und alles klingt am Ende doch nach ihm.

Schon dieses Erstlingswerk trug in sich, was Browns Handschrift bis heute ausmacht: ein virtuoses, treibendes Klavier und Texte, die klug und schonungslos zugleich sind. Kritiker sahen in dem damals kaum bekannten Komponisten früh einen möglichen Brückenbauer – zwischen der Eingängigkeit des klassischen Broadway und der psychologischen Tiefe eines Stephen Sondheim. Und das kleine Stück hatte noch eine Folge: Über Daisy Prince lernte Brown deren Vater kennen, den legendären Regisseur Harold Prince – woraus sein nächstes, ungleich größeres Werk erwuchs.

Dieses nächste Werk war Parade (1998), ein ernstes, historisches Musical über den jüdischen Fabrikleiter Leo Frank, der 1913 in Atlanta zu Unrecht des Mordes beschuldigt und zwei Jahre später von einem Mob gelyncht wurde. Für die Musik erhielt Brown den Tony Award. Es folgten Stücke, die ihn zu einem der wichtigsten Komponisten seiner Generation machten: The Last Five Years (2001), das das Scheitern einer Ehe erzählt, indem die eine Figur die Geschichte vom Anfang, die andere vom Ende her singt – bis sie sich in der Mitte, bei der Hochzeit, ein einziges Mal begegnen. 13 (2008), das erste Broadway-Musical mit einer rein jugendlichen Besetzung. Und The Bridges of Madison County (2014), das ihm zwei weitere Tonys einbrachte. Browns Stücke sind oft keine schnellen Kassenerfolge; sie sind musikalisch dicht, emotional fordernd und wachsen mit der Zeit – von Theaterleuten geliebt, lange bevor das große Publikum sie für sich entdeckt.

Gerade Songs for a New World aber ist bis heute überall zu Hause. Es braucht nur vier gute Stimmen, ein Klavier und fast keine Kulisse – und schenkt seinen Darstellern dafür sechzehn Gelegenheiten, in wenigen Minuten einen ganzen Menschen lebendig werden zu lassen. Geschrieben ist es zwar für vier Rollen, doch lassen sich die Songs mühelos auf ein größeres Ensemble verteilen, was viele Bühnen auch gern tun – so bekommt eine ganze Gruppe ihren Auftritt. Kein Wunder, dass Schul- und Amateurbühnen es lieben – die Musicalgruppe brachte es 2021 auf die Bühne. Für den fünfundzwanzigjährigen Jason Robert Brown war der Liederzyklus erst der Anfang: Es folgten Parade und The Bridges of Madison County, für die er jeweils den Tony für die beste Musik gewann.

Zur Produktion: Songs For A New World (2021)

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