»Wir sind alle Menschen« – Ein Gespräch mit Danny Ginges, dem Autor von »Atomic«
Als die Musicalgruppe der Goetheschule ATOMIC auf die Bühne brachte, reiste der Autor des Stücks eigens aus Australien an: Danny Ginges. In einem gut halbstündigen Gespräch am Tag der Aufführung erzählte er, wie aus Wut über einen vergessenen Physiker ein Musical wurde, warum er die Songtexte zu Led-Zeppelin-Melodien im Kopf schrieb – und weshalb ATOMIC bewusst keine klaren Guten und Bösen kennt.
Erzählen Sie uns zuerst etwas über sich und Ihre Verbindung zu ATOMIC.
ATOMIC war das erste Musical, das ich geschrieben habe – abgesehen von etwas aus meiner Schulzeit war es überhaupt meine erste Bühnenproduktion. Von Haus aus komme ich aus der Werbung: Meine gesamte berufliche Laufbahn war ich Werbetexter, habe unzählige Fernseh- und Printanzeigen geschrieben. Ich habe auch versucht, Filme zu schreiben – ATOMIC hat sogar als Film angefangen. Aber am Ende wurde daraus meine erste Bühnenarbeit und mein erstes Musical.
Sie sind ein australischer Autor – und trotzdem den weiten Weg nach Deutschland gekommen. Warum?
Ich war noch nie in Deutschland und wollte immer schon hierher. Ich glaube, meine Urgroßmutter stammte aus Österreich, ich habe Familie aus dieser Gegend – und das hier war ein guter Anlass. Außerdem versuchen wir, zu allen Aufführungen zu kommen, zumindest zu den Premieren. Wir lernen jedes Mal dazu: Ein anderes Publikum reagiert anders, wir kommen ins Gespräch, manchmal schreiben wir daraufhin Dinge um. Die Show ist etwas Lebendiges – sie lebt und verändert sich noch immer.
Wie sind Sie mit Ihrem Komponisten Philip Foxman zusammengekommen?
Wir haben sehr eng zusammengearbeitet, obwohl ich ihn vorher gar nicht kannte. Ich hatte das Stück geschrieben, und alle sagten mir: Du brauchst einen Komponisten, du hast ja keine Musik. Ein australischer Freund in New York riet mir, es gar nicht erst in Australien zu versuchen, sondern gleich nach New York zu kommen. Ich wollte aber nicht nach New York. Also habe ich jeden gefragt, ob er einen Komponisten kennt – bis mir jemand Philip Foxman nannte. Wir haben uns getroffen, uns sofort blendend verstanden und sind inzwischen beste Freunde.
Sie wollten ein Musical schreiben, ohne je zuvor Musik geschrieben zu haben?
Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie man das macht. Ich wusste, wie man einen Film schreibt, und ich hatte schon mit Musikern und Komponisten gearbeitet – aber ein Musical? Was ich vorher konnte, war, einmal um den Block zu laufen. Ein Musical zu schreiben ist, als würde man den Mount Everest besteigen. Es gibt unglaublich viel zu lernen, und ich habe es auf die harte Tour gelernt.
Der Stoff
Worum geht es in ATOMIC?
Im Zentrum steht ein einzelner Wissenschaftler: Leó Szilárd. Ich bin in den 1960er-Jahren aufgewachsen, in einer Zeit, in der man sich der Möglichkeit eines Atomkriegs sehr bewusst war – und ich hatte große Angst davor. Später, mit dreißig, vierzig, merkte ich, dass ich kaum etwas darüber wusste, wie das alles begonnen hatte. Also fing ich an zu recherchieren und stieß auf Szilárd, von dem ich nie zuvor gehört hatte. Oppenheimer kannte ich, Teller kannte ich – Szilárd nicht. Je mehr ich über ihn las, desto klarer wurde mir, wie zentral er war. Die Bombe wäre auch ohne Oppenheimer entstanden – aber ohne Szilárd nicht. Es machte mich regelrecht wütend, dass die Geschichte ihn vergessen hatte. Und diese Wut war wohl meine eigentliche Motivation. Wut ist manchmal ein guter Antrieb.
Und die eigentliche Handlung?
Szilárd ist hochbegabt, und er weiß das. Er will seine Gabe nutzen, um der Menschheit zu helfen. Deshalb steigt er in die damals ganz neue Atomphysik ein – mit der Idee, sie werde der Menschheit Energie liefern und ihr eines Tages die Erforschung anderer Sonnensysteme ermöglichen. Das ist seine Ausgangsmotivation. Doch dann, durch die Umstände, durch den Krieg und die Angst, Deutschland könnte zuerst eine Bombe bauen, kippt alles. Deutschland führte damals die Welt in der Kernphysik an – die entscheidenden Wissenschaftler saßen in Berlin oder anderswo in Deutschland. Aus dieser Angst heraus hilft Szilárd am Ende, statt die Menschheit zu retten, eine Waffe in die Welt zu bringen, die zwei Städte zerstört und die Menschheit bis heute bedroht. Er wollte die Welt retten – und tat am Ende etwas, das sie bedroht. Eine zutiefst ironische Geschichte.
Die historischen Ereignisse erstrecken sich über Jahre – unzählige Entwicklungen und Entscheidungen. Wie bekommt man das in ein einziges Stück?
Man kann unmöglich alles erzählen, was mit der Atombombe zu tun hat – daran waren wohl Hunderttausende beteiligt, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Deshalb konzentriert sich alles auf diese eine Figur. Die Handlung beginnt, als Szilárd Deutschland verlässt. Er hatte eine fast unheimliche Gabe vorauszusehen, was kommen würde. Er drängte seine Kollegen zu gehen, aber niemand glaubte ihm. Während alle anderen fragten: »Wovon redest du überhaupt?«, geriet er schon in Panik über den drohenden Krieg.
Gibt es Stationen seines Lebens, die Sie besonders faszinieren?
Der Wendepunkt war seine Entscheidung, Deutschland zu verlassen. Er ging zunächst nach London. Dort hörte er von einem Vortrag von Ernest Rutherford, der damals führenden Figur der Atomphysik in Cambridge. Rutherford sagte sinngemäß, niemand werde jemals kommerziell Energie aus dem Atom gewinnen – das sei unmöglich. Das machte Szilárd wütend: Wie kann er behaupten, es sei unmöglich? Wo ist die Wissenschaft, die das belegt? Und genau in dieser Wut kam ihm die Idee der Kettenreaktion.
Rutherford hielt es für unmöglich, weil man sehr viel Energie braucht, um ein Atom zu spalten, und dabei kaum Energie herausbekommt. Szilárds Gedanke war: Wenn ein Atom bei der Spaltung zwei Neutronen freisetzt, muss man nur ein einziges spalten – das spaltet dann zwei, die spalten vier, dann acht, und so weiter. So entsteht sehr schnell sehr viel Energie. Auf diese Idee ließ er sich ein Patent erteilen – aber weil er nicht wollte, dass Deutschland davon erfährt, meldete er es geheim bei der britischen Admiralität an. Dieser eine Gedanke veränderte sein ganzes Leben.
Als sich der Krieg abzeichnete, wusste er, dass man ihn in England als jemanden, der gerade aus Deutschland gekommen war, als »feindlichen Ausländer« nicht an einem Kriegsprojekt würde arbeiten lassen. Also ging er nach Amerika. Dort erfuhr er, dass in Berlin das Uranatom gespalten worden war – und ihm war klar: Jetzt ist die Bombe unvermeidlich, wir sollten sie besser zuerst haben. Als »feindlicher Ausländer« musste er nun die amerikanische Regierung überzeugen. Am Ende steckte sie zwei Milliarden Dollar in das Projekt – eine gewaltige Entscheidung, ohne zu wissen, ob es überhaupt funktionieren würde. Szilárd brachte Einstein dazu, einen Brief an den Präsidenten zu schreiben. Und dann nahm alles seinen Lauf.
Dass jemand die nukleare Kettenreaktion tatsächlich patentiert hat, wusste ich nicht.
Ja – und mit der Armee, die das Projekt leitete, kam Szilárd überhaupt nicht zurecht. Er fand, sie stünden im Weg: Die Armee wollte Geheimhaltung, aber die Wissenschaftler mussten miteinander reden können. Ständig legte er sich mit ihr an und wandte sich an die jeweils nächsthöhere Instanz. An einem Punkt warf man ihn sogar aus dem Projekt – und er nutzte seine Patente, um wieder hineinzukommen: Ihr lasst mich zurück, dafür bekommt ihr meine Patente.
Das Schreiben
Sie haben die Geschichte geschrieben, Philip Foxman die Musik komponiert. Wie lief das ab?
Ich hatte vorher nie Songtexte geschrieben. Also nahm ich mir meist einen Led-Zeppelin-Song, hatte die Melodie im Kopf und schrieb den Text darauf. Dann gab ich Philip nur den Text – ohne ihm zu sagen, welcher Song mir vorgeschwebt hatte. Und er kam mit etwas zurück, das kein Led Zeppelin war, aber wunderbar. Der erste Song, den ich ihm als Test gab, hieß »Headlights«, eine Art Liebeslied. Ich wusste, dass Philip aus dem Rock kommt und eine Rockballade kann – aber ob er ein echtes Liebeslied hinbekommt, wusste ich nicht. Also gab ich ihm gleich den schwersten zuerst. Nach ein, zwei Wochen kam er damit zurück, und es war fantastisch. Vieles im Stück hat sich später verändert – dieser Song nie. Obwohl viele ihn streichen wollten.
Wie schreibt man überhaupt einen Text, bevor die Musik existiert?
Wenn ich Texte schreibe, habe ich einen Song im Kopf und weiß, welches Gefühl er transportieren soll. Es ist Musik in meinem Kopf – nicht besonders gut, aber ich weiß, was ich sagen will und welche Emotion ich treffen möchte. Das gebe ich Philip mit, zusammen mit dem Text, und dann probieren wir herum. Es klappt nicht immer beim ersten Mal, manchmal überhaupt nicht. Für Philip war das nicht so neu, aber für mich schon – und auf jeden Song, der es ins Stück geschafft hat, kommen wohl zehn oder fünfzehn, die es nicht geschafft haben. Es ist eine Menge Arbeit.
Publikum und Botschaft
Glauben Sie, dass das Stück auf ein deutsches Publikum anders wirkt als auf ein australisches oder amerikanisches?
Das lässt sich schwer vorhersagen. In New York fürchtete unser Regisseur bei der ersten Matinee, das Publikum sei zu alt, die Musik zu laut – sie würden einschlafen oder gehen. Stattdessen liebten sie es. Ich saß im Saal und konnte hinterher fragen, warum. Einer sagte: »Ich liebe diese Show, weil es meine Geschichte ist – und niemand erzählt sie mehr.« Es ist eine menschliche Geschichte, und wir sind alle Menschen, insofern wird sie auf dieser Ebene funktionieren.
Für ein deutsches Publikum ist mir aber noch etwas anderes wichtig: In fast jedem Film, den ich sehe, sind die Deutschen die Bösen. Mir geht es ähnlich – ich bin Jude, und wenn ich auf jüdische Filmfestivals gehe, dreht sich alles um den Holocaust. Es wirkt, als sei die Geschichte auf diesen einen, sehr kleinen Ausschnitt verengt: Ihr seid die Bösen, ich bin das Opfer. Aber das ist nur ein kleiner Teil meiner Geschichte und nur ein kleiner Teil eurer Geschichte – es ist nicht unsere ganze Geschichte.
Deshalb sagt ATOMIC gerade nicht: Das sind die Guten, das sind die Bösen. Beim Schreiben war mir das sehr wichtig. In der New Yorker Fassung war das noch anders; als ich das Stück überarbeitete, war ich entschlossen, es zu ändern. Bei einem Publikumsgespräch – ich glaube, in Michigan – sagte jemand, das Faszinierende an der Show sei, dass er nicht wisse, wer die Guten und wer die Bösen seien. Genau das war die Idee: Wer gerade spricht, wer das Mikrofon hat, soll für das Publikum recht haben – bis jemand anderes eine andere Meinung äußert, und man denkt: Moment, nein, der hat recht. Am Ende weiß das Publikum es nicht genau. Das kommt in der Unterhaltung selten vor, sonst heißt es immer: Das ist der Böse, das ist der Gute. Ich bin gespannt, wie das hier ankommt.
Beim Thema Krieg denken gerade alle an die Ukraine. Werden Zuschauer solche Parallelen ziehen?
Das weiß ich nicht. Das Stück berührt es am Rande: Szilárds Hauptsorge war, Russland keinen Vorwand für eigene Waffen zu liefern. Einer der Beweggründe, die Bombe überhaupt einzusetzen, war ja, dass Russland damals Polen und Ungarn genommen hatte und nicht zurückgab. Die Bombe war so etwas wie die Ansage: Wenn ihr euch nicht benehmt, haben wir diese Waffe – und wir scheuen uns nicht, sie einzusetzen. Insofern ist es eine Lektion über Eskalation. Wie man das Ukraine-Problem löst, weiß ich nicht – aber die Menschen müssten miteinander reden, herausfinden, wo die wahren Probleme liegen, und versuchen, sie zu lösen, ohne sich gegenseitig in die Luft zu jagen.
Wut, Herkunft, Verantwortung
Was hat Sie ursprünglich dazu gebracht, diese Geschichte zu erzählen?
Vermutlich Wut. Ich stieß auf Szilárd und fragte mich: Warum habe ich nie von ihm gehört? Je tiefer ich grub, desto deutlicher wurde: Es gab eine regelrechte Absicht, ihn aus den Geschichtsbüchern herauszuhalten. Das Ganze war das geheimste Projekt der Geschichte – nicht einmal Vizepräsident Truman wusste davon. Als Roosevelt an einer Hirnblutung starb und Truman Präsident wurde, sagte man ihm erst drei Tage später: Übrigens, wir haben eine Atombombe. Wenn nicht einmal er es wusste, wusste es niemand, und die Öffentlichkeit schon gar nicht. Nach dem Krieg schrieben im Grunde die Regierung und das Militär die Geschichte. Es gab sogar einen von der Regierung angestellten Journalisten, der die Erzählung an alle anderen weitergab – streng kontrolliert. Szilárd kam darin nicht vor, weil er sich mit dem Militär überworfen hatte. Ich hielt ihn für enorm wichtig, war wütend, dass man ihn vergessen hatte, und dachte: Was kann ich tun? Ich kann etwas schreiben. Also tat ich es.
Gab es auch persönliche Gründe?
Mein Großvater war Ungar, und ich konnte mich mit der Figur identifizieren. Er war ein Flüchtling, verließ Ungarn 1939, kurz vor dem Krieg, und war vermutlich Jude. Ich habe meinen Großvater ein Stück weit in Szilárd gesehen. Beeindruckend war: Als wir die Show in New York zeigten, meldeten sich Angehörige von Szilárds Familie – die Familie von Trude – bei mir und wollten zehn Karten zur Premiere. Ich war ziemlich nervös, aber es gefiel ihnen. Wir haben bis heute Kontakt und verstehen uns bestens.
Noch einmal zum Thema Wut: Dürfen wir zornig sein auf die Menschen, die damals die Entscheidungen trafen? Oder waren sie Kinder ihrer Zeit, die es nicht besser wissen konnten?
Das ist interessant. Wir sagen: »Amerika hat die Bombe abgeworfen.« Aber wer traf tatsächlich die Entscheidung? Drei Personen. Nicht ganz Amerika – ganz Amerika wusste gar nichts davon. Und Generäle wie Eisenhower oder Curtis LeMay waren dagegen. LeMay, der selbst für unzählige Tote verantwortlich war – vor den beiden letzten Bomben hatte man etwa 67 japanische Städte bombardiert –, befürchtete, wenn man die Bomben abwerfe, bekomme die Bombe den Ruhm für das Kriegsende, nicht die Luftwaffe.
Es waren also im Grunde drei Menschen: Präsident Truman, der gerade erst ins Amt gekommen war und nichts von der Bombe gewusst hatte; General Groves, der Leiter des Manhattan-Projekts, der sie abwerfen wollte, weil es sein Vermächtnis war; und der Außenminister, ein sehr kluger Mann. Sie alle waren überzeugt, es tun zu müssen. Menschen starben – aber im Krieg sterben Menschen. Bereut haben sie es wohl nicht.
Wäre es überhaupt möglich gewesen, dass diese Bombe nie gebaut wird? Könnten wir heute in einer Welt ohne Atombombe leben?
Es ist schwer zu rechtfertigen, so viel Geld auszugeben – aber im Krieg geht das. Das Projekt bekam die höchste Prioritätsstufe, praktisch ein unbegrenztes Budget: zwei Milliarden Dollar, für die damalige Zeit unfassbar viel. Man baute ganze Städte, um Uran zu verarbeiten, und die Menschen dort wussten nicht einmal, woran sie arbeiteten. Ich glaube, das Wissen selbst war unvermeidlich – man hätte gewusst, dass es möglich ist. Ob jedes Land so viel Geld in eine Bombe gesteckt hätte, ist eine andere Frage. Aber sie taten es: Russland, China, viele andere. Sobald einer sie hat, wollen alle sie haben. Bleibt die andere Frage – ob Amerika die Bombe wirklich abwerfen musste. Eine sehr interessante Frage. Die müssen Sie nicht beantworten.
Zum Schluss: Gibt es eine wichtigste Kernbotschaft, die das Publikum mitnehmen soll?
Ja – und ich sage sie im Stück auch: dass wir alle Menschen sind. Das Faszinierendste an dieser Geschichte ist für mich, dass hier Militärs, Wissenschaftler, Geflüchtete aus anderen Ländern – ganz unterschiedliche Menschen – zusammenarbeiten, um eine einzige Sache zu erreichen. Sie haben oft nicht einmal eine gemeinsame Sprache, aber ein gemeinsames Ziel. Wir können unsere Unterschiede überwinden und gemeinsam an einer Sache arbeiten. Das ist für mich das, was Menschlichkeit ausmacht: die Verbindungen zwischen uns, dass wir miteinander reden und trotz sehr verschiedener Herkunft auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten können. Das ist die Lehre von ATOMIC – und das ist es, was die Zuschauer mitnehmen sollen.
Ein großartiges Schlusswort. Vielen Dank für Ihre Einblicke – wir haben viel gelernt.
Das Interview wurde auf Englisch geführt, ins Deutsche übertragen und für die Lesbarkeit gekürzt und redigiert.
