30 Jahre Musicalgruppe – Interview mit dem Gruppengründer Peter Merck
Herr Merck, 1979 haben Sie die Musicalgruppe der Goetheschule gegründet. Woran denken Sie zum 30-jährigen Bestehen zuerst?
An eine Schulaufführung in England, 1978. Ich war als Englischlehrer drüben und sah junge Leute »Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat« spielen – und dachte sofort: Das müssen wir in Wetzlar auch können. Ich habe Andrew Lloyd Webber einen Brief geschrieben, woraus ein langer Briefwechsel mit seinem Assistenten entstand. Jede Antwort war damals drei Wochen mit der Post unterwegs – Geduld war das halbe Stück. An der Schule hielten viele das für eine Schnapsidee, aber 1980 stand »Joseph« auf der Bühne. Der Erfolg hat alle überrascht – nur mich nicht.
Die ersten Stücke haben Sie auf Englisch gespielt. Wie kam das an?
Natürlich auf Englisch – die Originale klingen in ihrer eigenen Sprache am schönsten. Viele Schüler haben sich das zuerst nicht zugetraut. Auf der allerersten Probeneinladung stand deshalb der Satz: »Aber keine Sorge – jeder Goetheschüler kann besser Englisch als so mancher deutsche Schlagerstar.« (schmunzelt) Das hat die Hemmungen genommen. Am Ende haben sie gesungen, dass es eine Freude war.
Sie haben danach immer wieder Stücke nach Deutschland gebracht, die hier niemand kannte.
Ich bin aus London selten ohne einen Stapel Schallplatten zurückgekommen. Warum sollten wir immer nur das nachspielen, was ohnehin jeder schon gesehen hat? So kamen »Christian« oder »Swan Esther« zum ersten Mal überhaupt auf eine deutsche Bühne. Mutig, ja. Aber junge Menschen wachsen an dem, was man ihnen zutraut, nicht an dem, was man ihnen abnimmt.
Nun stehen Sie wieder auf der Bühne der Musicalgruppe – als Pfarrer in »Jekyll & Hyde«. Wie kam es dazu?
(lacht) Man hat mich gefragt, und ich konnte nicht Nein sagen. Auf diese Bühne hatte ich fast siebzehn Jahre lang keinen Fuß mehr gesetzt. Diesmal bin ich einfach einer im Ensemble, kein Lehrer, kein Regisseur. Das ist ein großes Geschenk. Und die Premiere spielen wir unter freiem Himmel im Rosengärtchen bei den Wetzlarer Festspielen.
Warum ausgerechnet der Pfarrer in dieser Rock-Oper?
»Jekyll & Hyde« erzählt vom Guten und Bösen im Menschen. Mein Pfarrer ist da ein kleiner Farbtupfer im großen Gesellschaftsbild – aber gerade solche Rollen erdet man gern mit ein paar grauen Haaren. Dass die Gruppe zu ihrem 30. Geburtstag eine sinfonische Rock-Oper dieser Größenordnung mit siebzehn Musikern im Graben stemmt, sagt eigentlich alles darüber, wie weit sie gekommen ist.
Die Gruppe arbeitet seit Jahren komplett in Eigenregie. Fällt Ihnen das Loslassen schwer?
Überhaupt nicht: Das liegt alles in den Händen der jungen Leute selbst. Sie tragen Verantwortung, treffen Entscheidungen, streiten und einigen sich wieder. Genau das nehmen sie fürs Leben mit. Ich muss längst nicht mehr die Fäden ziehen. Ich darf jetzt einfach nur mitspielen.
Was wünschen Sie dem Ensemble zum Jubiläum?
Dass sie weiter Stücke wählen, vor denen andere zurückschrecken – den Mut, den es 1980 gebraucht hat. Ein wenig wehmütig macht es mich schon, dass seit meiner Zeit auf Deutsch gespielt wird. Mein Wunsch zum Dreißigsten wäre, irgendwann wieder ein englisches Stück auf dem Spielplan zu sehen. Die ganze Welt ist eine Bühne – man muss nur den Mut haben, sie zu betreten.
Zur Produktion: Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat (1980)
