Kalter Krieg auf 64 Feldern: das Schach-Drama hinter »Chess«

Schacholympiade: Michail Tal (UdSSR) gegen Bobby Fischer (USA) Bundesarchiv, Bild 183-76052-0335 / Kohls, Ulrich / CC-BY-SA 3.0
Schacholympiade: Michail Tal (UdSSR) gegen Bobby Fischer (USA) – der Kalte Krieg am Schachbrett.

64 Felder, zwei Farben, ein Duell – mehr braucht es nicht, um den Kalten Krieg zu erzählen. CHESS erfindet sein Drama nicht, sondern leiht es sich aus einer Zeit, in der Schach tatsächlich Weltpolitik war. Nach 1945 gehörte das Spiel der Sowjetunion, und zwar nicht nur sportlich: Die Weltmeister kamen aus Moskau, und das war so gewollt, ein Beweis, dass das eigene System die besseren Köpfe hervorbringe. Bis Bobby Fischer kam. Der schlaksige, unmögliche Amerikaner erhob Anspruch auf den Thron und weigerte sich, die Spielregeln der anderen zu akzeptieren – am Brett wie daneben. 1972 trat er in Reykjavík gegen Weltmeister Boris Spasski an, trieb die Organisatoren zur Verzweiflung, erschien zu spät, verlor eine Partie aus Protest kampflos – und gewann dann. Über Nacht war er der berühmteste Schachspieler der Welt; kurz darauf zog er sich vom Brett zurück. Geblieben ist die Erkenntnis, dass 64 Felder ein Schlachtfeld sein können. Genau hier setzt CHESS an.

Fischer lieferte das Bild des lauten Amerikaners; für den sowjetischen Champion, der im Stück die Seiten wechselt, stand ein anderer Pate: Viktor Kortschnoi. Mitte der Siebziger setzte sich der Großmeister in den Westen ab und war zu Hause von einem Tag auf den anderen eine Unperson. Seine erbitterten Kämpfe gegen den linientreuen Anatoli Karpow waren mehr als Schach – ein Geflüchteter gegen das System, das er hinter sich gelassen hatte. Wenn Anatoly am Ende des ersten Aktes im Westen bleibt und alles zurücklässt, trägt die Figur unverkennbar Kortschnois Züge.

Wie absurd real der Krieg auf dem Brett werden konnte, zeigt eine Episode, die es bis ins Stück geschafft hat. 1978 misstraute ein Lager sogar der Verpflegung des Gegners: Ein Becher Joghurt, mitten in der Partie an den Tisch getragen – könnte das nicht ein Signal sein, die Sorte, die Farbe als verschlüsselter Zug? Was wie Realsatire klingt, war bitterernst gemeint, und genau diese Paranoia macht sich CHESS zu eigen. Nichts ist hier nur ein Spielzug; alles könnte Botschaft sein, List oder Verrat.

Aus solchem Material formt das Stück seine Geschichte. Der erste Akt spielt im Südtiroler Meran – nicht willkürlich, denn dort fand tatsächlich einmal ein Weltmeisterschaftskampf statt –, der zweite führt nach Bangkok und schenkt dem Abend seinen berühmtesten Song. Ins Zentrum aber rückt eine Frau: Florence Vassy, Managerin und Geliebte des amerikanischen Spielers, stammt aus Ungarn und vermisst ihren Vater, der seit dem niedergeschlagenen Aufstand von 1956 verschwunden ist – die große Geschichte hat sich in ihr Leben eingeschrieben, lange bevor die erste Partie beginnt. Als sie und der sowjetische Champion einander näherkommen, wird aus einem Wettkampf eine Dreiecksgeschichte, verkabelt mit Delegationen, Spitzeln und einem KGB-Mann namens Molokov, der im Hintergrund die eigentlichen Fäden zieht.

Der Kunstgriff des Stücks liegt darin, dass Spiel und Politik ununterscheidbar werden. Die Figuren auf dem Brett spiegeln die Menschen davor; jeder Zug ist auch ein Zug im großen Machtspiel, jeder geopferte Bauer erinnert daran, wie leicht Einzelne für die höhere Sache verheizt werden – und die Spieler selbst sind längst Figuren, geschoben von Managern, Funktionären und Geheimdiensten, die die eigentliche Partie austragen. Das hält den Stoff frisch, Jahrzehnte nach seiner Entstehung. Der konkrete Kalte Krieg ist Geschichte – die Frage dahinter aber nicht: Wie viel von einem selbst bleibt übrig, wenn die Mächtigen einen über das Brett schieben? Genau diese Doppelbödigkeit macht CHESS bis heute so reizvoll: Auf der Bühne wird jeder Zug am Brett zugleich zum Zug im großen Machtspiel – und umgekehrt.

Zur Produktion: Chess (2018)

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