Normal ist eine Illusion: Die Addams Family

Die Musicalgruppe der Goetheschule Wetzlar als »The Addams Family«, 2015 Foto: Annika Honold
Die Musicalgruppe spielte »The Addams Family« 2015 – eine Familie, die sich keinen Deut darum schert, normal zu sein.

Sie tanzen auf Gräbern, pflegen fleischfressende Pflanzen und finden Sonnenschein zutiefst verstörend – und doch sind die Addams die vielleicht glücklichste Familie, die je über eine Bühne ging. Genau darin liegt der Witz, den Charles Addams vor bald achtzig Jahren erfand: Die schaurige Familie, vor der sich alle fürchten, liebt einander inniger, hält treuer zusammen und lebt ehrlicher als die braven Nachbarn ringsum. Die Addams sind nicht die Monster – sie sind der Spiegel, in dem die vermeintlich normale Welt plötzlich seltsam aussieht.

Angefangen hat alles mit einem Cartoon. Der amerikanische Zeichner Charles Addams veröffentlichte ab 1938 im Magazin The New Yorker seine berühmten Einzelbild-Witze: eine düstere, herrschaftliche Familie in einer verfallenen Villa, die Weihnachtssänger mit siedendem Öl übergießt und an Guillotinen und Folterwerkzeugen kindliche Freude findet. Es war bösartig-komische Gesellschaftssatire, und ihr Prinzip war so einfach wie böse: Die Addams sind in allem das genaue Gegenteil der braven amerikanischen Vorstadt-Durchschnittsfamilie. Wo diese das Helle und Gepflegte liebt, lieben die Addams die Nacht, die Dunkelheit, den Verfall und den Tod. Was die anständige Bürgerwelt für gut hält, finden sie abstoßend, und umgekehrt. Sogar die Ehe ist verkehrt herum: Während der brave Vorstadt-Gatte sich langweilt und fremdgeht, vergöttert Gomez seine Morticia nach all den Jahren noch immer und käme nie auf den Gedanken, sie zu betrügen – ausgerechnet die Gruselfamilie führt die treueste Ehe von allen. Der Zeichner selbst, ein sanfter, witziger Mann mit einer Vorliebe für Armbrüste, alte Autos und morbiden Humor, heiratete seine letzte Frau bezeichnenderweise auf einem Tierfriedhof. Eines aber fehlte seinen Figuren lange: Namen. In den Cartoons blieb die Familie namenlos.

Ihre Namen bekamen die Figuren erst später – die meisten mit der Fernsehserie, die das amerikanische Fernsehen 1964 aus den Zeichnungen machte. Erst jetzt hießen sie Gomez und Morticia, Wednesday und Pugsley, Onkel Fester und Butler Lurch. Mit der Serie kam auch die weltberühmte Titelmelodie samt Fingerschnippen, die bis heute jeder sofort erkennt. Es folgten Zeichentrickserien und, Anfang der Neunziger, zwei Kinofilme, die die Familie einer neuen Generation ans Herz legten. Aus ein paar schwarz-weißen Zeichnungen war eine Ikone der Popkultur geworden.

Auf die Bühne aber kam die Familie erst spät. 2010 brachten der Komponist Andrew Lippa und die Jersey-Boys-Autoren Marshall Brickman und Rick Elice am Broadway das Musical The Addams Family heraus – bewusst nicht nach Fernsehserie oder Film, sondern nach Charles Addams’ Original-Cartoons. Sie erfanden dafür eine neue Geschichte und legten sie als Coming-of-Age-Story an: Die inzwischen fast erwachsene Wednesday hat sich in einen ganz und gar normalen jungen Mann aus gutbürgerlichem Hause verliebt, und zum ersten gemeinsamen Abendessen prallen zwei Welten aufeinander. Im Kern erzählt das Musical damit vom Erwachsenwerden – vom Augenblick, in dem ein Kind beginnt, sich vom Elternhaus zu lösen und einen eigenen Weg zu suchen. Wednesday fleht ihre Familie an, sich für »einen einzigen normalen Abend« zusammenzunehmen – ein Vorhaben, das grandios scheitert. Der Weg zum Erfolg war holprig: Nach einer schwierigen Testphase in Chicago wurde das Stück gründlich überarbeitet, und die Kritiker blieben zurückhaltend. Das Publikum aber liebte es – über siebenhundert Vorstellungen lang.

Denn unter all der Situationskomik steckt eine warme, kluge Botschaft. »Normal ist eine Illusion«, sagt Morticia einmal; »was für die Spinne normal ist, ist für die Fliege das Chaos.« Die Addams machen vor, was so schwer ist und so gut tut: ganz zu sich selbst zu stehen und jeden anderen sein zu lassen, wie er ist. Die Familie hält bedingungslos zusammen, und Fremde werden mit offenen Armen empfangen – so gruselig die Fassade, so heil ist der Kern. Gerade das macht das Stück auch für ein großes, junges Ensemble dankbar: Neben der Familie tritt eine ganze Schar untoter Vorfahren auf, und für schräge, spielfreudige Auftritte ist überall Platz.

Dass ausgerechnet diese Gruselfamilie die treueste Ehe und den festesten Zusammenhalt vorführt, war schon in Charles Addams’ »New Yorker«-Cartoons der Witz – und er trägt bis heute: von der Fernsehserie der Sechziger über zwei Kinofilme bis zu Tim Burtons »Wednesday«, das zum meistgesehenen englischsprachigen Titel in der Geschichte von Netflix wurde.

Zur Produktion: The Addams Family (2015)

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