»Not Since Carrie«: der größte Flop der Broadway-Geschichte

Die Musicalgruppe der Goetheschule Wetzlar in »Carrie«, 2016 Foto: Bernd Deck
Die Musicalgruppe brachte »Carrie« 2016 auf die Bühne – die überarbeitete Fassung, die dem einstigen Broadway-Flop eine zweite Chance gab.

Es gibt am Broadway ein geflügeltes Wort für die totale Katastrophe: »Not Since Carrie« – nicht mehr seit Carrie. Wenn eine Produktion so gründlich scheitert, dass Fachleute nach einem Vergleich suchen, landen sie fast zwangsläufig bei diesem einen Titel. CARRIE ist der legendärste Flop der amerikanischen Musicalgeschichte – und zugleich eines der schönsten Beispiele dafür, dass ein Stück ein zweites Leben verdient haben kann.

Dabei standen die Zutaten gut. Die Vorlage war Stephen Kings Debütroman von 1974, sein allererstes veröffentlichtes Buch, das ihn über Nacht berühmt machte: die Geschichte von Carrie White, einem schüchternen, gemobbten Mädchen aus einer Kleinstadt in Maine, das unter einer fanatisch religiösen Mutter aufwächst – und nach und nach entdeckt, dass es Dinge mit dem bloßen Willen bewegen kann. Zwei Jahre später wurde daraus Brian De Palmas berühmter Kinofilm. Und für das Musical versammelte sich Anfang der Achtziger ein preisgekröntes Team: Michael Gore und Dean Pitchford, die Oscar-prämierten Männer hinter Fame, schrieben die Musik, der Drehbuchautor des Films das Buch. Was sollte da schon schiefgehen?

Ziemlich viel, wie sich herausstellte. Die Uraufführung fand 1988 an einem denkbar unwahrscheinlichen Ort statt: bei der ehrwürdigen Royal Shakespeare Company im englischen Stratford-upon-Avon – ein blutiges Teenager-Horrormusical zwischen lauter Shakespeare-Klassikern. Am Broadway ging es dann steil bergab: Am 12. Mai 1988 war Premiere, am 15. Mai schon wieder Schluss – fünf Vorstellungen, rund acht Millionen Dollar versenkt, einer der teuersten Reinfälle, die der Broadway je gesehen hatte. Die Kritiken waren vernichtend.

Wie es dazu kam, ist eine Kette aus Missverständnissen und Größenwahn, fast zu komisch, um wahr zu sein. Der treibende Produzent war der Deutsche Friedrich Kurz, der daheim gerade mit Cats den Musical-Boom entfacht hatte – allerdings stets mit lizenzierten Nachbauten, bei denen die künstlerischen Entscheidungen längst andernorts gefallen waren; eine echte Uraufführung hatte er noch nie verantwortet. Regie führte Terry Hands, gerade an die Spitze der Royal Shakespeare Company gerückt und noch nie mit einem Musical befasst. Ihn trieb ein Ehrgeiz: Sein Vorgänger Trevor Nunn hatte dem Haus mit Les Misérables einen kommerziellen Welterfolg beschert – so ein Geschäft wollte Hands auch, und ein Popmusical nach Stephen King schien ihm der schnellste Weg dorthin. Und dann ist da die schönste Anekdote der ganzen Geschichte, zu schön, um ganz zu stimmen: Das Team habe sich das Stück »wie Grease« vorgestellt – der Regisseur aber habe »Greece« verstanden und prompt Anleihen bei der griechischen Tragödie eingebaut, bis hin zu Highschool-Mädchen, die den Turnunterricht in Togen absolvierten.

Auch das Bühnenbild geriet monströs teuer und hochtechnisch – und funktionierte kaum. Fürs Finale senkte sich eine gigantische weiße Treppe aus dem Schnürboden, so grell ausgeleuchtet, dass Barbara Cook, die Darstellerin der Mutter, die Stufen kaum erkennen konnte; um ein Haar hätte ein herabfahrendes Bühnenteil sie enthauptet, woraufhin sie die Produktion verließ. Für den Broadway sprang Betty Buckley ein – die im Kinofilm von 1976 ausgerechnet die gütige Sportlehrerin gespielt hatte und nun die fanatische Mutter gab. Die berüchtigte Szene, in der Carrie mit Schweineblut übergossen wird, ließ sich kaum bändigen und legte prompt die Mikrofone lahm. Und für den Moment, in dem ein Schwein geschlachtet wird, ließ man ein aufwendiges mechanisches Tier in einer Grube bauen – das vom Zuschauerraum aus dann praktisch niemand zu sehen bekam. Vieles davon hat Kurz Jahre später in seiner Autobiografie Der Musical-Mann selbst nachgezeichnet – der Mann, der 1988 zugleich den schnellsten Theaterbau der Welt und den größten Flop der Musicalgeschichte hinlegte und für beides einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde erhielt.

Den zweifelhaften Titel des teuersten Flops hielt CARRIE danach noch erstaunlich lange – und wurde erst vierzehn Jahre später entthront, wieder von einer Produktion aus dem deutschsprachigen Musicalbetrieb. Dance of the Vampires, die Broadway-Fassung des Wiener Erfolgs Tanz der Vampire, wollte der deutsche Musical-Konzern Stella nach New York bringen, um endlich auch international mitzuspielen – ausgerechnet jenes Unternehmen, das einst aus Friedrich Kurz’ Cats-Produktion hervorgegangen war. An Stella beteiligt war der Carrie-Produzent zu diesem Zeitpunkt allerdings längst nicht mehr. Doch noch bevor der Vorhang aufging, war Stella pleite – und das Stück, das 2002 schließlich herauskam, verbrannte rund zwölf Millionen Dollar amerikanischer Investoren und schob sich damit an CARRIE vorbei.

Und doch verschwand CARRIE nicht einfach. Gerade weil der Sturz so spektakulär war, wurde das Stück zur Legende. Schon die wenigen Aufführungen spalteten das Publikum: Buhrufe und stehende Ovationen mischten sich, mitunter im selben Moment. Ein Standardwerk über gescheiterte Broadway-Musicals trägt bis heute den Titel Not Since Carrie; heimlich mitgeschnittene Tonbänder aus Stratford und New York kursierten unter Theaterfans wie Reliquien, und eine Handvoll Songs führte ein Eigenleben in Vorsingen und Konzerten. Einer übrigens fand das Ganze von Anfang an gar nicht so übel: Stephen King selbst soll die Aufführung genossen haben. Unter der Katastrophe, das ahnten viele, steckte ein Kern, den die überladene Erstinszenierung bloß verschüttet hatte.

Genau diesen Kern legte 2012 eine Wiederentdeckung frei. Off-Broadway nahmen sich dieselben Autoren ihr eigenes Werk noch einmal vor und schrieben es gründlich um. Weg waren die Laser, der Kitsch, das grelle Spektakel; übrig blieb ein intimes, ernstes Kammerstück über Einsamkeit, Kontrolle und die Grausamkeit der Highschool. Diese Fassung fand endlich das Publikum und den Respekt, die der Stoff verdient hatte – und gab CARRIE für Schul-, Amateur- und Regionalbühnen frei. Ausgerechnet der größte Flop der Broadway-Geschichte wurde so zu einem Stück, das heute überall dort gespielt wird, wo es im Grunde immer hingehörte: nah am Publikum, ohne Millionenbudget, mitten unter jungen Menschen.

CARRIE erzählt von einem Mädchen, das nicht dazugehört, das ausgelacht und ausgestoßen wird, bis etwas in ihm kippt – ein Thema, das kein bisschen gealtert ist. Was 1988 in Lasernebel und Millionenbudgets unterging, trifft heute umso härter, je schlichter man es erzählt. Genau das leistete die entschlackte Fassung von 2012, die CARRIE endlich für die Bühnen freigab, für die es gemacht schien: für Schulen, Amateurgruppen und junge Ensembles – 2016 auch für die Musicalgruppe der Goetheschule.

Zur Produktion: Carrie (2016)

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