Produktionstagebuch: »3 Musketiere« 2010

Die Besetzung – und das Material

Nach den Auditions fällt die Wahl schwer: So viele talentierte Menschen haben vorgesungen und vorgespielt, dass jede Entscheidung auch ein Verzicht ist. Kurz darauf kommen von Stage Entertainment nur ein Textbuch und die Partitur als digitale Daten – aus denen wir erst mühsam die Notenhefte für jedes Instrument und die Textbücher für die Darsteller erstellen. Ein cleveres Layout aus Text und erster Klavierstimme spart uns dabei rund 10.000 Blatt Papier.

Erste Proben und das Wochenende in Weilburg

Die Solisten- und Chorproben für »Paris« beginnen, Choreografin Theresa Gehring stellt die ersten Schritte. Höhepunkt ist das Probenwochenende in der Jugendherberge Weilburg – tagsüber wird von zehn bis zweiundzwanzig Uhr geprobt, nachts wächst die Gruppe beim Werwolf zusammen. In diesem Jahr allerdings mit einem Schrecken: Ein »Pfeifenmörder« treibt sein Unwesen, bald verstärkt durch Stift- und Sockenmörder. Über dreißig »dahingepfiffene« Opfer später traut sich kaum jemand noch allein vor die Tür – man huscht nur noch in Gruppen zu acht über das Gelände.

Weihnachtspause

Von weihnachtlicher Stimmung ist bei der letzten Probe vor den Ferien wenig zu spüren – dafür umso mehr konsequente Arbeit. Christian, Katha und Michel wünschen allen ein frohes Fest. PS: Üben nicht vergessen!

Das Gesicht der Produktion

Ende Januar entsteht das Promotionfoto fürs Festspiel-Programm – 132 Aufnahmen, von denen genau eine übrig bleibt. Weil kurzfristig weder Kostüme noch Requisiten da sind, opfert Kostümchefin Johanna ein ganzes Wochenende dem Nähen der Musketiermäntel, drei Degen werden spontan aufgetrieben. Die schwierigste Frage: Welche der sechs D’Artagnan-Darsteller kommen aufs Bild?

Osterferien und Feinschliff

Die Ferien sind gestrichen – dafür voll mit Proben. Das Orchester zieht in einen Nebenraum, damit die vergrößerte Bühne allen Zuschauern Platz lässt, die Fechtszenen werden gestellt, und erste Rufe nach Massagebänken werden laut (nicht im Budget). Am Pfingstwochenende führen die Bühnen-Orchesterproben zum ersten Mal Musik und Inszenierung zusammen.

Ein Schiff, eine Keule, ein Pferd

Das Requisitenteam läuft zur Höchstform auf: eine überdimensionale Keule, ein über sieben Meter langes Schiff, ein Pferd und zahllose Hintergründe entstehen – knapp vier Wochen vor der Premiere.

Vier Tage im Rosengärtchen

Erster Tag auf der »gefühlt schönsten Freilichtbühne der Welt«, dann Bühnenbild-Transport, Kilometer an Kabel und CityColor-Architekturscheinwerfer, wie man sie zur Illumination des Kölner Doms benutzt. Das Mischpult wird zehn Meter hoch ins Regiehaus gezogen, zwanzig zusätzliche Scheinwerfer kommen dazu – und über allem die bange Frage nach dem Wetter. Anders als im Vorjahr sind sich die Dienste diesmal überhaupt nicht einig, also planen wir zweigleisig und arbeiten schon einen Plan für den Umzug in die Stadthalle aus. Am Tag vor der Premiere bricht immer wieder Regen ein, Monitorboxen verschwinden in Müllsäcken, der Orchester-Durchlauf fällt aus.

Umzug in die Stadthalle

Um elf Uhr fällt die Wetterentscheidung: Nach der Prognose des Deutschen Wetterdienstes sind wir uns mit Miguel Marcos von den Festspielen einig – wir ziehen um. (Wie so eine Entscheidung genau zustande kommt, erklären wir in einem eigenen Beitrag: Wie wird eigentlich entschieden, wo die Premiere stattfindet?.) Vier Stunden später ist alles in der Stadthalle, das Orchester sitzt im Foyer des Neuen Kellertheaters darunter. Prompt streikt die Videostrecke, mit der Dirigent und Bühne einander sehen; Katholisches Dompfarramt, Sonneborn Medien und das ERF Fernsehen helfen kurzfristig mit Kameras aus. Die Generalprobe endet um halb drei nachts.

Erfolgreiche Premiere – vor 1072 Zuschauern

Fünfzehn Minuten vor Beginn ist noch alles in Bewegung: Aus vier weißen Tüchern werden beleuchtbare Leinwände, das Schiff bekommt für drinnen einen Mast, spontan wird ein Lichtpult gemietet – und dann ist die Stadthalle mit 1072 Zuschauern ausverkauft. »Mesdames et Messieurs! Kommt, kommt!« Die Vorstellung beginnt, das Publikum ist begeistert.

»martinTV«

Weil das Orchester in diesem Jahr im Keller der Volkshochschule nebenan sitzt, können die Darsteller Dirigent Martin Spahr nicht sehen. Die Lösung: Eine Kamera filmt Martin ab, das Bild läuft mit minimaler Verzögerung auf zwei Fernsehern an der Traverse über dem Zuschauerraum – »martinTV«.

Zweite Premiere in Büblingshausen

Für die zweite Premiere geht es mit dem LKW nach Limburg und Koblenz; fast der halbe Bürgersaal wird zur Bühne, über 30 Meter Lichttraverse werden verbaut. Und weil die meisten bekennende »WM-Süchtige« sind, flimmert das Deutschlandspiel über die Orchester-Monitore, bevor sich um 19:20 Uhr die Pforten öffnen.

Abschied

Nach vier Wochen die letzte Vorstellung – ausverkauft und wehmütig zugleich. Noch in der Nacht räumt das Orchester seinen Keller, das Ensemble packt die Kostüme, und am Ende sieht alles wieder so aus, »als hätte es 3Musketiere nie gegeben«. Irgendwie deprimierend – und doch, wie immer, erst der Anfang von etwas Neuem.

Zur Produktion: 3 Musketiere (2010)

← Alle Beiträge