Vom Gedichtband zum Mega-Musical

Szene aus einer Aufführung des Musicals »Cats« (2010) Foto: Meetmeatthemuny · CC BY-SA 4.0
Das Ensemble im »Cats«-typischen Bühnenbild aus überdimensionalem Schrott (Aufführung 2010).

Kein Musical ist berühmter, und kaum eines ist untypischer. Cats gehört zu den erfolgreichsten Bühnenwerken der Geschichte – jahrzehntelang gespielt, in viele Sprachen übersetzt, von mehr als fünfzig Millionen Menschen gesehen. Zugleich ist es ein völliger Sonderfall: ein Stück ohne durchgehende Handlung, fast ohne gesprochenes Wort, in dem verkleidete Menschen als singende und tanzende Katzen über eine Müllhalde streifen. Und gerade im deutschsprachigen Raum hat dieses eine, so besondere Werk eine doppelte Rolle gespielt: Es hat das Musical als Massenphänomen überhaupt erst erschaffen – und ist ihm bis heute eine Bürde geblieben.

Am Anfang standen Gedichte. In den 1930er-Jahren schrieb der Dichter T. S. Eliot verspielte Katzenverse für seine Patenkinder, die 1939 als Old Possum’s Book of Practical Cats erschienen. Andrew Lloyd Webber liebte das Buch seit seiner Kindheit – seine Mutter hatte ihm die Gedichte am Bett vorgelesen – und begann 1977, sie zu vertonen, zunächst nur als private Fingerübung; es blieb das einzige seiner Werke, für das er praktisch keinen Textdichter brauchte. 1980 führte er die Songs bei seinem privaten Sydmonton-Festival vor. Im Publikum saß Valerie Eliot, die Witwe des Dichters, und sie brachte unveröffentlichte Verse mit – darunter das Gedicht über »Grizabella, die Glamour-Katze«, das Eliot einst als zu traurig für ein Kinderbuch verworfen hatte. Genau dieser Funke Melancholie gab Lloyd Webber die Idee zu einem ganzen, abendfüllenden Stück – und mit der ausgestoßenen, alternden Grizabella dessen emotionales Herz.

Aus lauter einzelnen Gedichten ein abendfüllendes Stück zu formen, war eine Aufgabe für sich. Regisseur Trevor Nunn, Choreografin Gillian Lynne und Produzent Cameron Mackintosh fügten die Katzenporträts zu einer losen Rahmenhandlung: Einmal im Jahr versammeln sich die Jellicle-Katzen zum Ball, und eine von ihnen darf in ein neues Leben aufsteigen. Sonst aber reiht sich Nummer an Nummer, getragen von Tanz und einer stilistisch entfesselten Musik zwischen Klassik, Jazz, Rock und Music Hall. Ausgerechnet der Song aber, der Cats unsterblich machen sollte, gehörte zu den letzten Zutaten – und anders als fast alle anderen Nummern beruht sein Text nicht direkt auf Eliots Katzengedichten. »Memory« entstand erst spät, während der Proben, als feststand, dass Grizabella ein großes, herzzerreißendes Lied brauchte. Die Melodie hatte Lloyd Webber, doch am Text versuchten sich gleich mehrere Autoren, unter ihnen sein früherer Partner Tim Rice, dessen Fassung jedoch verworfen wurde. Den Zuschlag bekam am Ende Trevor Nunn, der seine Zeilen nicht dem Kinderbuch entnahm, sondern zwei ernsten, frühen Gedichten Eliots, »Preludes« und »Rhapsody on a Windy Night«. Lloyd Webber selbst fürchtete zeitweise, die Melodie klinge zu sehr nach Puccini, und spielte sie seinem Vater vor; dessen Urteil, wie er in seinen Memoiren erzählt, fiel knapp aus: Sie klinge »nach einer Million Dollar«. Er sollte recht behalten.

Ein Wagnis aber blieb das Ganze. Ein handlungsloses Stück über singende Katzen schreckte die Geldgeber ab; Lloyd Webber bürgte schließlich selbst für die Produktion und nahm dafür sogar eine zweite Hypothek auf sein Haus auf. Doch es zahlte sich aus wie kaum je zuvor: 1981 in London uraufgeführt, lief Cats dort einundzwanzig Jahre und wurde zum Inbegriff des »Megamusicals« – jener großen, technisch aufwändigen Ausstattungsstücke, die das Genre für ein Jahrzehnt prägen sollten.

In den deutschsprachigen Raum kam Cats früh – und veränderte alles. Am 24. September 1983 brachte der Schauspieler und Intendant Peter Weck es am Theater an der Wien heraus, als weltweit dritte Produktion überhaupt, mit Angelika Milster als Grizabella, deren »Erinnerung« bis heute untrennbar mit der Rolle verbunden ist, und mit deutschen Texten von Michael Kunze. Der Erfolg war beispiellos: Sieben Jahre lang lief das Stück in Wien, und aus Wecks Häusern wuchsen die Vereinigten Bühnen Wien, die bald auch Das Phantom der Oper und Elisabeth hervorbrachten. Noch folgenreicher war die deutsche Premiere am 18. April 1986 im eigens umgebauten Hamburger Operettenhaus. Der Produzent Friedrich Kurz wagte etwas, das es in Deutschland nie gegeben hatte: ein Theater, das ohne staatliche Subventionen allein von einem einzigen, dauerhaft gespielten Stück leben sollte. Es funktionierte fast fünfzehn Jahre lang und machte Hamburg zur ersten Musicalstadt Deutschlands. Vor Cats war das Musical hierzulande ein Randphänomen; nach Cats war es eine Industrie.

Und genau darin liegt die Bürde. Weil Cats für ungezählte Menschen im deutschsprachigen Raum das erste, oft das einzige Musical war, wurde es zum heimlichen Maßstab für das ganze Genre – dabei ist kaum ein Stück weniger repräsentativ. Wer nur Cats kennt, weiß noch gar nicht, wie ein typisches Musical aussieht: mit einer Geschichte, mit Figuren, die man über einen Abend begleitet, mit Dialog, Konflikt und einem Bogen, der trägt. Kaum etwas davon findet sich in Cats. Und so zieht mancher, dem die singenden Katzen fremd blieben, den denkbar größten Fehlschluss: »Ich mag keine Musicals.« Ein ganzes, ungeheuer vielfältiges Genre – von der Gesellschaftssatire über das intime Kammerstück bis zum Rockmusical – wird abgeschrieben aufgrund seines untypischsten Vertreters.

Verstärkt wurde dieser eine, feste Eindruck noch durch die Art, wie Cats über Jahrzehnte lizenziert wurde. Lloyd Webber und sein Team achteten streng darauf, dass das Stück – zumal in den großen Märkten – ausschließlich als originalgetreue Nachbildung der Ur-Inszenierung gespielt wurde: dasselbe Bühnenbild, dieselben Kostüme, dieselbe Choreografie, überall auf der Welt. Man sah nicht irgendeine Produktion von Cats, man sah stets dieselbe. Erst nach mehr als zwanzig Jahren erlaubten einzelne eigenständige Neudeutungen einen anderen Blick – etwa 2004 in Polen, wo die Katzen über die Dächer der Stadt statt über eine Müllhalde streiften, wenig später auch in Schweden. Und erst kurz vor dem vierzigsten Geburtstag des Musicals begannen weltweit wirklich freie Neuinszenierungen, die Musik und Handlung neu befragen – und zeigen, wie viel in diesem vermeintlich so festgelegten Stück noch zu entdecken ist.

Das ist Cats nicht anzulasten. Es ist ein großartiges, mutiges, einzigartiges Werk, und dass es das Musical im deutschsprachigen Raum erst populär gemacht hat, bleibt sein Verdienst. Man sollte es nur nehmen als das, was es ist: eine glanzvolle Ausnahme, keine Blaupause. Wer wissen will, was dieses Genre alles kann, muss weiterschauen – auf die vielen anderen Stücke, die ganz anders erzählen. Cats ist die berühmteste Tür ins Musical. Aber es ist nur die Tür, nicht das Haus.

Zur Produktion: Cats (2024)

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