Das Musical »Assassins« beschäftigt sich mit einem für die Kunstrichtung »Musical« ungewöhnlichen Thema und wurde nach seiner Broadwaypremiere in New York am 27. Januar 1991 zunächst sehr kontrovers diskutiert.
Es stellt neun Attentäter in den Mittelpunkt, die zu verschiedenen Zeiten versuchten, den jeweiligen amerikanischen Präsidenten zu ermorden. Von John Wilkes Booth, der Abraham Lincoln erschoss, bis zu Lee Harvey Oswald, der John F. Kennedy in Dallas tötete, reicht der Bogen politisch motivierter Attentäter, die in diesem Musical Zeit und Raum hinter sich lassen, um an einer fiktiven nächtlichen Zusammenkunft teilzunehmen.
Bei diesem Treffen schildern die einzelnen Attentäter ihren Werdegang. Die persönlichen Entwicklungen und Motivationen stellen die Frage des amerikanischen Traums in den Mittelpunkt: Hat jeder ein Recht auf seine eigene (politische) Entscheidung?
Stephen Sondheim (West Side Story) gehört zu den innovativsten zeitgenössischen Musicalkomponisten. Mit seinen »Assassins« hat er unter anderem in Amerika eine Grundsatzdiskussion ausgelöst:
Inwieweit darf das ureigenste Unterhaltungsgenre »Musical« politisch sein und Attentätern eine Plattform geben? Entscheiden sie selbst!
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Als die Attentäter am Ende ihre Waffen gegen das Publikum richten, hatten die Schüler der Goetheschule dem umstrittenen Musical eine eindeutige Botschaft gegen Gewalt gegeben, die Inszenierungen an anderen Theatern oft abgesprochen wurde.
Die Regisseure Christian Reim und Max Schmidt erliegen nie der Versuchung, die USA und damit die gesellschaftlichen Verhältnisse zu den wahren Verantwortlichen für die Morde zu stilisieren. Zwar zeigen die Mörder Gefühle, doch sie bleiben für das Publikum Eigenbrötler. Trotz der bewegenden Schilderung von unmenschlichen Arbeitsbedingungen werden die Mörder nie rehabilitiert, bleiben gestörte Eigenbrötler.
Die Handlung von Assassins spielt sich in einem eigentümlichen Zwischenreich ab – einer Schießbude auf einem Jahrmarkt, in der Zeit und Geschichte keine trennende Kraft mehr haben. Hinter dem Tresen steht die Schießbudenbesitzerin, eine Verführerin, die jedem Neuankömmling dasselbe Versprechen macht: Wer einen Präsidenten erschießt, kann seinem Leben eine Wendung geben. Nacheinander treten die Figuren ein – der verbitterte Fabrikarbeiter Leon Czolgosz, der ziellose John Hinckley, der schwarz gekleidete Charles Guiteau, der von Magenschmerzen geplagte Giuseppe Zangara, Samuel Byck im schmutzigen Weihnachtsmannkostüm sowie Lynette »Squeaky« Fromme und Sara Jane Moore. Schließlich erscheint John Wilkes Booth, den die Schießbudenbesitzerin als Pionier der Gruppe vorstellt und mit Munition versorgt (»Jeder hat das Recht«). Als Lincolns Ankunft angekündigt wird, entschuldigt sich Booth – ein Schuss fällt.
Nun erzählt die Balladensängerin Booths Geschichte. In einer Tabakscheune in Virginia, umstellt und dem Tod nah, versucht Booth in seinem Tagebuch die politische Rechtfertigung seiner Tat festzuhalten, während die Balladensängerin nüchtern anmerkt, dass hinter den großen Worten vor allem persönliches Scheitern steht. Booth wirft ihr das Tagebuch zu, mit der Bitte, seine Wahrheit zu verbreiten, und richtet sich selbst. Die Balladensängerin schließt mit der bitteren Ironie, dass Booth Lincoln durch den Mord erst zur Legende erhoben hat (»Die Ballade von Booth«).
Zurück im Zwischenreich versammeln sich die Attentäter wie in einer Bar. Nach und nach treten ihre Nöte und Beweggründe hervor. Zangara klagt über seinen Magen, und Booth ermutigt ihn, etwas zu unternehmen. Kurz darauf meldet ein Radio den Anschlag auf Franklin D. Roosevelt. Bei der Kundgebung überbieten sich Umstehende vor den Mikrofonen mit verzerrten Schilderungen – jeder will den Präsidenten eigenhändig gerettet haben, während Zangara auf dem elektrischen Stuhl vergeblich um Gehör ringt (»Ich rettete Roosevelt«).
Bei einer anarchistischen Versammlung in Chicago lauscht Czolgosz gebannt der Rednerin Emma Goldman und gesteht ihr seine Liebe; sie verweist ihn auf den Kampf um soziale Gerechtigkeit. In einem Park begegnen sich Fromme und Moore – die eine besessen von Charles Manson, die andere ein wirres Konvolut aus erfundenen Biografien. Gemeinsam nehmen sie schließlich das Konterfei von Colonel Sanders ins Visier. Czolgosz betrachtet unterdessen eine leere Pistole und sinnt über die Arbeit nach, die in einer Waffe steckt, und über die Macht dieses kleinen Gegenstands, die Welt zu verändern (»Krümm den kleinen Finger«). Auf der Pan-American Exposition in Buffalo arbeitet er sich durch die Reihe der Bewunderer McKinleys und erschießt den Präsidenten (»Die Ballade von Czolgosz«).
Samuel Byck spricht derweil auf einer Parkbank in ein Tonbandgerät und beschwört Leonard Bernstein, die Welt mit Liebesliedern zu retten. Fromme verhöhnt Hinckley für seine Schwärmerei für Jodie Foster; allein zurückgeblieben, gelobt er, sich ihrer würdig zu erweisen, während Fromme parallel dasselbe für Manson empfindet (»Nicht wert, dass du mich liebst«). Beim Zielen trifft Moore auf Guiteau, dessen aufdringliche Annäherung in einem Handgemenge endet – kurz darauf erschießt er Präsident Garfield. Am Fuß des Galgens trägt Guiteau ein Gedicht vor und tanzt einen Cakewalk in den Tod (»Die Ballade von Guiteau«).
Fromme und Moore scheitern gemeinsam an Präsident Ford: Moore hat ihren Sohn und ihren Hund mitgebracht, verliert die Übersicht über ihre Kugeln, und auch Frommes Waffe versagt. Byck wiederum fährt zum Flughafen, um ein Flugzeug ins Weiße Haus zu lenken, und listet seine Anklagen gegen das amerikanische Leben auf. Seine Monologe münden in eine Klage um alle Opfer – und in das gemeinsame Aufbegehren der Attentäter, die einen Lohn für ihre Taten fordern. Die Balladensängerin entgegnet, dass es keinen Preis gebe; die Attentäter halten dagegen, dass eine andere Hymne durch Amerika klingt, gesungen von allen, die sich um den amerikanischen Traum betrogen fühlen (»Eine andre Art von Hymne«).
Dies führt in das Texas School Book Depository in Dallas, wo Lee Harvey Oswald sich das Leben nehmen will. Booth hält ihn auf und ruft die übrigen Attentäter herbei: Nur durch den Mord an Kennedy könne Oswald Teil von etwas Größerem werden und das Attentat wieder zu einem Teil der amerikanischen Erfahrung machen (»22. November 1963«). Oswald zögert, doch Booth lockt ihn mit Ruhm und dem Versprechen, künftige Täter zu inspirieren. Schließlich kauert er sich ans Fenster und schießt. Der Schock der Tat spricht aus den Stimmen gewöhnlicher Bürger, die sich erinnern, wo sie waren, als sie von Kennedys Tod erfuhren (»Etwas zerbrach«). Im Zwischenreich behaupten die Attentäter ein letztes Mal ihr Recht, wichtig zu sein (»Finale: Jeder hat das Recht«). Alle Waffen feuern zugleich – der Vorhang fällt.
Assassins erzählt von den berühmten Attentaten auf die amerikanischen Präsidenten:
Leon Czolgosz – Attentat auf Präsidenten William McKinley
John Hinckley – Attentat auf Präsidenten Ronald Reagan
Charles Guiteau – Attentat auf Präsidenten James Garfield
Giuseppe Zangara – Attentat auf Präsidenten Franklin D. Roosevelt
Samuel Byck – Attentat auf Präsidenten Richard Nixon
Lynette »Squeaky« Fromme – Attentat auf Präsidenten Gerald Ford
Sara Jane Moore – Attentat auf Präsidenten Gerald Ford
John Wilkes Booth – Attentat auf Präsidenten Abraham Lincoln
Lee Harvey Oswald – Attentat auf Präsidenten John F. Kennedy
Die Attentäter sind davon überzeugt, dass all ihre Probleme gelöst sind, wenn sie den jeweils amtierenden Präsidenten töten.