Die echte Eva Perón – zwischen Heiligenverehrung und Diktatur
Foto: Archivo General de la Nación (Argentinien), gemeinfrei Für die einen ist sie eine Heilige, für die anderen das strahlende Gesicht einer Diktatur. Kaum eine Frau des 20. Jahrhunderts spaltet die Gemüter so sehr wie Eva Perón – und das bis heute, fast sechzig Jahre nach ihrem Tod. Das Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice macht sich diese Zerrissenheit sogar zunutze: Es urteilt nicht, sondern stellt der Heldenverehrung mit der Figur des Erzählers »Che« einen kühlen, spöttischen Gegenspieler zur Seite. Wer aber war diese Frau wirklich, um die Argentinien noch immer streitet?
Ihr Aufstieg klingt wie ein Märchen – und war einer der Gründe für ihren Mythos. María Eva Duarte kam 1919 als uneheliche Tochter eines Gutsbesitzers und seiner Geliebten in einem Dorf der argentinischen Pampa zur Welt, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und ging mit fünfzehn nach Buenos Aires, um Schauspielerin zu werden. Sie brachte es zum gefeierten Radio- und Filmstar. 1944 lernte sie bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung den aufstrebenden Oberst Juan Perón kennen, ein Jahr später heirateten die beiden, und als Perón 1946 zum Präsidenten gewählt wurde, war aus dem armen Mädchen vom Land die First Lady Argentiniens geworden.
Von da an wurde Eva – »Evita«, wie das Volk sie liebevoll nannte – zur mächtigsten Fürsprecherin der Armen. Sie empfing die Bedürftigen persönlich, gründete die nach ihr benannte Wohltätigkeitsstiftung und ließ Krankenhäuser, Schulen, Waisen- und Altenheime errichten. Sie erkämpfte 1947 das Frauenwahlrecht und rief eine eigene Frauenpartei ins Leben, die Millionen Argentinierinnen erstmals in die Politik holte. Für die »descamisados«, die »Hemdlosen«, war sie kaum weniger als eine Schutzheilige. Als sie 1952 mit gerade einmal 33 Jahren an Krebs starb, versank das Land in Trauer – und Teile ihrer Anhänger strebten sogar ihre Heiligsprechung an.
Diese Verehrung entstand nicht von selbst – sie war auch das Werk einer begnadeten Selbstdarstellerin. Eva war Schauspielerin gewesen, ehe sie First Lady wurde, und sie hörte nie auf, sich zu inszenieren: die streng zurückgebundene blonde Frisur, die kostbaren Roben und der Schmuck, dazu ein ganzes Heer von Fotografen, das jeden Auftritt festhielt und ihr Bild – mal als glamouröser Star, mal als leidende »Mutter der Nation« nach dem Vorbild der Madonna – ins ganze Land trug. Am Radio, ihrem alten Handwerk, verstand sie es wie kaum jemand, die Massen emotional zu bewegen. Und was sich nicht steuern ließ, wurde stillgelegt: Zwischen 1946 und 1951 formte das Regime eine der größten Zeitungslandschaften der Welt zu einem fast staatlichen Medienapparat, kaufte die Konkurrenz auf oder brachte sie zum Schweigen und enteignete schließlich mit der traditionsreichen »La Prensa« das wichtigste unabhängige Blatt des Landes. Eva Perón war damit eine der ersten Politikerinnen, die begriff, dass Bilder Macht bedeuten – und dass eine freie Presse dieser Macht im Weg steht.
Hinter dem strahlenden Bild aber stand ein Regime mit weiteren autoritären Zügen. Die Opposition wurde unterdrückt, Gegner wurden eingeschüchtert. Woher das Geld ihrer Stiftung kam, blieb undurchsichtig; Gewerkschaften und Unternehmen leisteten ihre »Spenden« nicht selten unter Druck. Gegen ihre Feinde konnte sie unerbittlich sein, und Kritiker sahen in ihr weniger die Wohltäterin als die machthungrige Demagogin, die das Frauenwahlrecht auch deshalb vorantrieb, weil es dem Peronismus neue Stimmen brachte. Die alteingesessene Oberschicht verachtete die Aufsteigerin von jeher – und rund ein Drittel der Argentinier lehnte den Peronismus entschieden ab.
Was dieser Peronismus eigentlich war, lässt sich mit deutschen Kategorien kaum fassen. Er verband Arbeiterrechte und Sozialprogramme mit Nationalismus, einem Führerkult und der Kontrolle über die Presse – links und rechts zugleich, eine Bewegung im Dauerstreit mit sich selbst, die die argentinische Politik bis heute prägt. Für ein deutsches Publikum wiegt dabei ein Kapitel besonders schwer: Juan Perón, ein offener Bewunderer Mussolinis, machte sein Land nach 1945 zum wichtigsten Zufluchtsort für NS-Kriegsverbrecher. Über die sogenannten »Rattenlinien« gelangten Tausende Nazis nach Argentinien, unter ihnen Adolf Eichmann und Josef Mengele. Vorangetrieben wurden diese Fluchtrouten von Juan Perón und seinem Staatsapparat; ob und in welchem Maße Eva daran beteiligt war, ist nicht belegt. Sicher ist nur, dass sie das strahlende Gesicht eben jenes Regimes war, das den Tätern Unterschlupf gewährte. Auch dieser Schatten gehört zum Bild.
Vielleicht liegt gerade in dieser Doppelnatur der Grund, warum Eva Perón bis heute nicht zur Ruhe kommt – und das lässt sich fast wörtlich nehmen. Perón hatte sie von dem spanischen Arzt Pedro Ara nahezu unvergänglich einbalsamieren lassen, um sie, ähnlich wie Lenin in Moskau, dauerhaft aufzubahren; das dafür geplante gewaltige Denkmal kam über die ersten Fundamente jedoch nie hinaus. Als das Militär Perón 1955 stürzte, wurde selbst der Name »Evita« verboten – und ihr Körper zum Politikum. Aus Angst, die Peronisten könnten ihn zum Symbol ihres Widerstands machen, ließ die Junta die Tote heimlich entführen. Jahrelang wurde sie in Lieferwagen und Hinterzimmern versteckt, wobei an den Verstecken immer wieder wie aus dem Nichts Blumen und Kerzen auftauchten, ehe man sie unter falschem Namen auf einem Mailänder Friedhof begrub. Fast sechzehn Jahre blieb sie verschwunden, bis der Leichnam 1971 dem im Madrider Exil lebenden Perón übergeben wurde, der ihn zeitweise in seinem Haus aufbewahrte. Erst 1976 fand Eva Perón in der Gruft ihrer Familie die letzte Ruhe – metertief unter der Erde, in einem eigens gesicherten Grab, das jeden weiteren Raub verhindern sollte. Es liegt ausgerechnet auf dem Friedhof von Recoleta, der vornehmen Totenstadt eben jener Oberschicht, die sie zeitlebens verachtete – und bis heute pilgern Menschen dorthin und legen frische Blumen nieder.
Heilige oder Demagogin, Anwältin der Armen oder Maske einer Diktatur – Argentinien hat sich nie darauf einigen können. Genau das haben Rice und Lloyd Webber verstanden: Ihr Stück gibt die Antwort nicht vor, sondern lässt die jubelnde Menge und den spöttischen Erzähler gegeneinander antreten und überlässt das Urteil dem Publikum. Die echte Eva Perón war keine Heldin und kein Ungeheuer, sondern beides zugleich – und über kaum eine Tote wird in Argentinien so leidenschaftlich gestritten wie über sie.
