Drei Gedanken zu »Pippin«

Pippin allein im Scheinwerferlicht auf dunkler Bühne, den Arm nach oben ausgestreckt Foto: Svenja Kugler
Pippin auf der Suche nach seinem Platz in der Welt – Musicalgruppe der Goetheschule Wetzlar, 2023.

von Julian Goletzka, Regisseur

»Das Licht, das doppelt so hell brennt, brennt eben nur halb so lang.«

Wenn Pippin den magischen Zirkus betritt, dann betritt er eigentlich seine eigene Psyche. Auf der Suche nach einem Lebensentwurf, der zu ihm passt, sucht er in den Tiefen seines Geistes nach einem Ziel. Pippin träumt davon, dass sein Leben etwas ganz Besonderes sein soll. Wie viele Jugendliche in seinem Alter kann er nicht akzeptieren, dass sein Leben gewöhnlich ist. Schließlich fängt er an, am Sinn seines Lebens zu zweifeln. Der Leading Player, Pippins innere Stimme, erkennt dies. Er füttert Pippin mit Möglichkeiten, malt ihm eine glänzende, schillernde Zukunft und treibt ihn immer weiter an, Neues auszuprobieren. Doch alle Entwürfe scheitern und schließlich ist Pippin niedergeschlagen: Nichts von dem, was er ausprobiert hat, hat funktioniert. Aber der Leading Player ist gnadenlos. Er flüstert Pippin weiter ins Ohr und zieht und treibt ihn weiter auf das tödliche Finale zu.

Viele Jugendliche verspüren das, was Pippin antreibt. Das Gefühl, dass alles zu langsam geht. Die Selbstwahrnehmung, dass man doch schon so viel weiter ist – der Traum davon, ein erfolgreicher Sportler zu sein. Ein Hollywoodstar. Ein erfolgreicher Autor. Milliardär. Auf einer Trauminsel den Traumpartner im Arm zu halten. Und viele sind dann enttäuscht, desillusioniert und können die Ungerechtigkeit nicht akzeptieren, dass die Welt ihnen diese Erfolge verwehrt. Schlimmer noch, dass sie sich mit alltäglichen Dingen herumschlagen müssen, die für sie alles andere als schillernd oder glänzend sind: Die Liebe wird nicht erwidert. Die Schule raubt einem alle Zeit. Die Eltern erwarten Hilfe in ihrem Geschäft oder im Haushalt. Alles kostet so viel Geld. Überall gibt es Mauern.

Das alles gehört zum Erwachsenwerden dazu, wie Artisten zum Zirkus. Doch manche sind Zeit ihres Lebens nicht in der Lage, diesen Konflikt aufzulösen. Das Finale, das für Pippin vorgesehen ist, ist nichts anderes als ein Suizid. Pippin besitzt die außergewöhnliche Stärke, im letzten Moment zu erkennen, dass er nicht springen will. Er klettert von der Leiter herunter und lässt seine innere Stimme, den Leading Player, verstummen. Er hat die Prüfung des Erwachsenwerdens überstanden. Doch die nächste Prüfung zeichnet sich ab: Diesmal verführt die Stimme des Leading Players Theo. Auch er wird, im Zuge des Erwachsenwerdens, die selbe Prüfung durchlaufen müssen wie wir alle.

Karl/Pippin/Karl – der Sohn löst den Vater ab

Der Karolinger Karl Martell ist der Sohn von Pippin, dem mittleren und der Vater von Pippin, dem jüngeren. Dieser ist der Vater Karls des Großen. Karl der Große ist der Vater von unserem Pippin. Diese wiederkehrende Vater-Sohn-Struktur eignet sich hervorragend für einen Konflikt, der vermutlich so alt ist wie die Menschheit: Der Generationenkonflikt.

Der Pippin unseres Musicals steht im Schatten seines übermächtigen Vaters, Karls des Großen. Der Konflikt gipfelt, als Pippin erkennt, dass sein Vater ein Tyrann ist, und so wird Pippin letztlich zum Vatermörder – wie so viele in der Geschichte der Literatur und der Menschheit vor ihm.

Wir erkennen das Bestreben der jüngeren Generation, die bestehende Ordnung zu verändern. Sich aus dem Schatten der älteren Generation zu befreien. Aber auch Karl hat gute Argumente: Er hat das Reich geformt, in dem Pippin jetzt rebellieren kann. Die Parallele drängt sich auf: Seit einigen Jahren gehen Schüler:innen freitags auf die Straße und demonstrieren für den Klimaschutz. Freie Schüler, die es sich leisten können, freitags zu demonstrieren. Die es sich leisten können, weil die Generationen vor ihnen mit dem Raubbau an der Umwelt die Welt geschaffen haben, in der Schüler:innen heute wöchentlich demonstrieren können. Wer hat hier Recht? Wie wird die Generation nach »Fridays for Future« handeln? Was wird sie verändern wollen?

Konkrete Beispiele sind immer gefährlich, da sie eine allgemeine Aussage auf eine einzige Facette eines komplexen Themas lenken. Es wären viele andere Beispiele zu nennen, in denen Kinder und Jugendliche, oder auch junge Erwachsene, gegen die ältere Generation rebellieren. Und vielleicht liegt da auch die Wurzel der »Erfolgsgeschichte Mensch«: Wir scheinen niemals stillzustehen, wir hinterfragen unsere Vergangenheit und scheuen uns nicht davor, mit Traditionen zu brechen.

Kompromiss: ja oder nein?

Pippin will außergewöhnlich sein. Er will die vollkommene Erfüllung. Doch am Ende des Musicals scheint es, als lasse er von dieser Idee ab, um einen Kompromiss einzugehen und sich mit etwas zufrieden zu geben, das er vorher abgelehnt hat. Daher mussten wir uns im Probenprozess immer wieder die Frage stellen, wie wir dazu stehen: Hat Pippin Recht, seine Träume kompromisslos zu verfolgen, oder sollte er sich auch mit weniger zufrieden geben?

Als Künstler kann man einen Kompromiss seiner Träume nur schwer, wenn überhaupt, akzeptieren. Getrieben von der Suche nach der Vollkommenheit wird geübt, wiederholt, perfektioniert. Sei es als darstellender oder bildender Künstler, oder gar in einer ganz anderen Kunst, der Kunst des Lebens.

Wir stellten eine Parallele zur Musicalgruppe der Goetheschule fest: Ohne nach den Sternen zu greifen, würden es Amateurensembles wie wir nicht schaffen, immer wieder neue Produktionen auf die Beine zu stellen, die immer wieder die Zuschauer:innen begeistern. Ohne die Messlatte so hoch anzulegen, würden wir vermutlich etwas weniger hoch springen.

Für uns wurde klar: Selbstverständlich liegt die Lösung, ob und wie man Kompromisse eingehen sollte, wie so oft, irgendwo in der Mitte. Nach den Sternen greifen, ja. Aber auch realistisch sein und die Gegebenheiten so nutzen, dass man nicht frustriert auf der Erde stehen bleibt. Wenn Pippin also am Ende den Zirkus verlässt, lässt er nicht seine Träume zurück – er lässt sich vielleicht nur einfach etwas Zeit und gönnt sich etwas Ruhe von der Hektik und dem Gefühl, dass er als Jugendlicher seinen Platz jetzt und sofort finden muss. Vielleicht braucht er diese Zeit auch, um seine Träume letztendlich zu erfüllen. Vielleicht findet Pippin seinen Platz auf dieser Welt erst mit 30, 50, oder gar erst nach seinem 70ten Lebensjahr.

Hilfe und Beratung

Wenn Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie mit Freunden und Familie darüber. Hilfe bietet auch die Telefonseelsorge (telefonseelsorge.de). Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich (online.telefonseelsorge.de). Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Dieser Text erschien zuerst im Programmheft der Musicalgruppe der Goetheschule Wetzlar zu »Pippin« (2023).

Zur Produktion: Pippin (2023)

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