Fünfzehn Minuten, die zu »Joseph« wurden

Die Musicalgruppe mit »Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat«, 1980 Archiv Peter Merck
Die Musicalgruppe spielte »Joseph« schon 1980 – Jahre bevor das Stück zum Welterfolg wurde.

Am 1. März 1968 saßen in der Aula einer Londoner Jungenschule rund zweihundert Eltern und hörten ihren Kindern zu. Auf dem Programm stand ein neues, gerade einmal fünfzehn Minuten kurzes Stück für den Schulchor: die biblische Josefsgeschichte, vertont im Pop-Stil. Niemand im Saal konnte ahnen, dass an diesem Abend die erfolgreichste Partnerschaft der Musicalgeschichte ihren Anfang nahm – und dass aus dem kleinen Chorstück eines der meistgespielten Musicals der Welt werden würde.

Zusammengefunden hatten die beiden schon 1965, und ungleicher hätte das Paar kaum sein können. Tim Rice, gerade zwanzig, schlug sich lustlos als angehender Anwaltsgehilfe durch und träumte davon, Popsongs zu schreiben. Andrew Lloyd Webber, ganze siebzehn, stammte aus einem tief musikalischen Elternhaus, hatte ein Geschichtsstudium in Oxford nach kurzer Zeit hingeworfen und wollte nur eines: Musicals machen. Rice ergriff die Initiative und schrieb dem Jüngeren einen Brief – er habe gehört, Lloyd Webber suche einen »zeitgemäßen« Textdichter, und ob man sich nicht einmal treffen wolle. So begann eine der folgenreichsten Partnerschaften des Musiktheaters. Ihr erstes gemeinsames Werk, ein Musical über den viktorianischen Waisenhaus-Gründer Thomas Barnardo, fand allerdings keinen Abnehmer und wurde erst rund vierzig Jahre später zum ersten Mal gespielt. Bis dahin hielten sich beide anders über Wasser: Rice arbeitete in der Plattenbranche, unter anderem als Assistent des Produzenten Norrie Paramor, Lloyd Webber studierte und komponierte.

Bestellt hatte das Stück der Musiklehrer der Schule, ein Freund der Familie Lloyd Webber, der sich eine »Pop-Kantate« nach dem Vorbild einiger damals beliebter Bibel-Vertonungen wünschte. Dass der Auftrag beim jungen, noch völlig unbekannten Andrew landete, hatte viel mit dessen Elternhaus zu tun: Sein Vater William war ein angesehener Komponist und Organist, und über die musikalischen Kreise der Familie war man mit dem Lehrer bekannt. So kamen der neunzehnjährige Komponist Andrew Lloyd Webber und sein etwas älterer Texter Tim Rice zu ihrem ersten Auftrag. Joseph wurde das erste Stück des Duos, das ein Publikum erreichte – der Beginn einer Zusammenarbeit, aus der bald Jesus Christ Superstar und Evita hervorgehen sollten, ehe Lloyd Webber mit Cats und Das Phantom der Oper die Bühnen der Welt eroberte.

Ihren Stoff fanden die beiden in einem Kinder-Bibelbuch. An der Josefsgeschichte reizten sie die Themen Verrat und Vergebung – und die komische Möglichkeit, den Helden zunächst als ziemlich eingebildeten Angeber anzulegen, der erst am Ende sympathisch wird. Tiefschürfende Bibelstudien betrieben sie dafür nicht; der Lektüre, scherzte Lloyd Webber später, habe man ganze vier Minuten gewidmet. Und schon in dieser Keimzelle steckte, was Joseph bis heute so beliebt macht. Rice und Lloyd Webber erzählten die uralte Geschichte – der Lieblingssohn im bunten Mantel, der von seinen elf Brüdern verkauft wird, in Ägypten vom Sklaven zum mächtigsten Mann nach dem Pharao aufsteigt und ihnen am Ende verzeiht – mit einem Augenzwinkern und einer wahren Parade an Musikstilen. Der Pharao tritt als hüftschwingender Elvis auf, die Brüder beklagen ihr Los in einem schmachtenden französischen Chanson, ein Bruder wird mit einem Calypso verabschiedet, ein anderer im breiten Country-Ton betrauert. Und weil das Stück ursprünglich für einen ganzen Schulchor gedacht war, ist es bis heute so gebaut, dass Menschen jeden Könnens mitmachen können. Diese Offenheit ist ihm gewissermaßen angeboren.

Der Durchbruch begann mit einem Achtungserfolg. Schon bei der Schulaufführung riss besonders Tim Rices Auftritt als Elvis-Pharao das Publikum zu Zugabe-Rufen hin, und einige Eltern wollten das Stück unbedingt ein zweites Mal sehen. Andrews Vater, William Lloyd Webber, war Musikalischer Leiter der Methodist Central Hall in Westminster und holte Joseph dort in ein zweites, weit größeres Konzert. Nach einem langen, ernsten klassischen ersten Teil brachte das kleine Bibel-Stück im zweiten den Saal zum Beben – das Publikum war hingerissen. Ein Kritiker der Sunday Times saß im Saal und schrieb eine hymnische Besprechung, die die beiden Unbekannten über Nacht ins Gespräch brachte.

Jetzt wurde die Plattenbranche hellhörig – und wie zuvor beim Konzert kam eine persönliche Verbindung ins Spiel. Rices Chef Norrie Paramor setzte sich für Joseph ein und besorgte einen Vertrag mit Decca – nur war Joseph damals so kurz, dass es nicht einmal eine LP-Seite füllte, sodass Rice und Lloyd Webber die Musik für die Platte erst erweitern mussten. 1969 erschien die Aufnahme unter dem Namen »The Joseph Consortium«, mit Tim Rice höchstpersönlich als Elvis-Pharao. Damit war Joseph zunächst gar kein Bühnenstück, sondern eine Schallplatte – eine Methode, die Rice und Lloyd Webber zu ihrem Markenzeichen machen sollten: erst das Album, dann die Bühne. Schon ihr nächstes Werk, Jesus Christ Superstar, entstand genau so.

Von da an wuchs das Stück von Aufführung zu Aufführung: aus fünfzehn Minuten wurden zwanzig, dann fünfunddreißig, schließlich ein abendfüllendes Musical. 1973 kam Joseph im Londoner West End heraus, 1982 am Broadway, und 1991 stemmte Lloyd Webber im London Palladium eine große, glanzvolle Neuinszenierung. Aus dem kurzen Chorstück war ein Welterfolg geworden.

Wie wertvoll das einstige Schulstück geworden war, lässt sich an einer einzigen Zahl ablesen. Als blutjunge, unbekannte Autoren hatten Rice und Lloyd Webber Joseph für gerade einmal 100 Guineen an den Musikverlag Novello verkauft – ein Spottpreis, gemessen an dem, was aus dem Stück wurde. Denn erst als es längst ein Welterfolg war, gelang es Lloyd Webbers Firma, der Really Useful Group, die Rechte zurückzuholen – für rund eine Million Pfund.

Am schönsten aber ist, wohin Joseph am Ende zurückfand. Kein anderes Musical wird weltweit so oft an Schulen gespielt; über die Jahre sind zehntausende Aufführungen von Schul- und Amateurgruppen zusammengekommen. Das Stück, das für einen Schulchor entstand, wurde zum Lieblingsstück der Schulen – so sehr, dass Lloyd Webber die Entwicklung eine Zeit lang mit gemischten Gefühlen sah und mit der Palladium-Fassung beweisen wollte, dass mehr in ihm steckt. Auch hierzulande führt die Spur zu einer Amateurbühne: Die deutschsprachige Erstaufführung des Originals übernahm 1980 die Musicalgruppe der Goetheschule Wetzlar, die es in den Neunzigern erneut auf die Bühne holte und nun, Jahrzehnte später, zum Jubiläum wieder hervorholt. Vier Jahrzehnte, nachdem aus fünfzehn Minuten für einen Schulchor ein Welterfolg geworden war, schließt sich damit ein Kreis – ausgerechnet dort, wo Joseph immer am liebsten gespielt wurde: auf einer Schulbühne.

Zur Produktion: Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat (2019)

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