Geboren aus einer Zeitungsente: das Musical »Bat Boy«

Manche Musicals beginnen mit einem Roman, andere mit einem Film. »Bat Boy« beginnt an der Supermarktkasse. Im Juni 1992 prangte auf der Titelseite der amerikanischen Wochenzeitung »Weekly World News« das körnige, offensichtlich zusammengebastelte Foto eines schreienden Kindes mit riesigen Augen und spitzen Eckzähnen, dazu die Zeile: »Fledermaus-Junge in Höhle entdeckt!« FBI-Agenten, so hieß es, hätten die Kreatur tief in den Wäldern West Virginias gefangen. Natürlich war kein Wort davon wahr. Und trotzdem wurde daraus Jahre später ein Musical: Keythe Farley und Brian Flemming schrieben das Buch, Laurence O’Keefe die Musik – und machten aus dem albernsten Zeitungsschwindel eine überraschend kluge Satire auf Amerika.

Die »Weekly World News«: eine Zeitung voller erfundener Wahrheiten

Um zu verstehen, warum das aufgeht, muss man die Zeitung kennen, aus der der Bat Boy stammt. Die »Weekly World News« (1979–2007) war kein Boulevardblatt im üblichen Sinn – sie wärmte keine echten Promi-Skandale auf, sondern erfand ihre Geschichten kurzerhand selbst: Raumschiffe im Bermudadreieck, Politiker mit außerirdischen Geliebten, und mittendrin der Bat Boy, die langlebigste Erfindung des Blattes.

Über Jahre spann die Redaktion seine Lebensgeschichte immer weiter: Er floh aus der FBI-Haft, klaute Autos, verliebte sich und mischte am Ende sogar im Präsidentschaftswahlkampf mit. In einer Zeit vor dem Internet bediente die Zeitung damit eine ganz eigene Spielart des amerikanischen Humors – das genüssliche Lesen von gedrucktem Unsinn, den niemand ernst nahm und trotzdem alle liebten.

Vom Supermarkt-Gag zur Off-Broadway-Satire

Als das Autorenteam Mitte der Neunziger merkte, was in der Figur steckt, stand es vor einer kniffligen Frage: Wie macht man aus einer flachen Comic-Figur den tragischen Helden eines ganzen Theaterabends? Die Antwort lautete – die Gegensätze so weit auf die Spitze treiben, wie es nur geht.

Farley und Flemming holten den Bat Boy aus der Science-Fiction-Ecke und setzten ihn in ein Dorf in den amerikanischen Südstaaten. Dort landet Edgar – so heißt er im Stück – bei einer braven Familie und wird im Zeitraffer zivilisiert: Mit Sprachschallplatten lernt er tadelloses Oxford-Englisch, und die feinen Werte des Bildungsbürgertums übernimmt er gleich mit dazu.

Genau hier wird aus der Zeitungssatire eine Gesellschaftssatire. Denn die eigentliche Zielscheibe ist nicht das seltsame Wesen, sondern die scheinbar so normalen Dorfbewohner, die in ihrer Frömmigkeit und Enge einfach nicht in der Lage sind, das Fremde zu ertragen. Nebenbei zwinkert das Stück großen Vorbildern zu – Mary Shelleys »Frankenstein« und George Bernard Shaws »Pygmalion« (besser bekannt als »My Fair Lady«).

Eine Musik, die sich durch alle Stile wühlt

Laurence O’Keefe hat diese Zerrissenheit direkt in die Musik geschrieben. Statt eines einheitlichen Sounds klingt »Bat Boy« mal nach dem einen, mal nach dem anderen – und nimmt dabei die ganze amerikanische Musikgeschichte auf die Schippe.

Die heile, gottesfürchtige Kleinstadt Hope Falls kommt in Country, Pop-Rock und mitreißendem Südstaaten-Gospel daher (»A Joyful Noise«) – wohlklingende Tarnung für eine ordentliche Portion Intoleranz. Edgars wildes, animalisches Wesen bricht dagegen in harten Rocknummern hervor, und sein Aufstieg in die feine Gesellschaft wird als überdrehter Broadway-Showtune der goldenen Ära verulkt (»Show You a Thing or Two«). Diese Stilbrüche setzt O’Keefe ganz bewusst ein: Erst verführt er das Publikum mit eingängigen Ohrwürmern, um im nächsten Moment in ein düsteres, blutiges Finale zu kippen – ganz im Geist des Grand Guignol, jenes alten Pariser Horrortheaters.

Die »Weekly World News« schickte ihren erfundenen Fledermaus-Jungen noch jahrelang durch immer neue Schlagzeilen; als Musical hat die Zeitungsente inzwischen Kultstatus – nicht schlecht für eine Meldung, die frei erfunden war.

Zur Produktion: Bat Boy (2008)

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